Über 200 Jahre Handelskaufleute Klamroth in Halberstadt

Vortrag gehalten vor der genealogischen Sektion des Förderkreises des Gleimhauses in Halberstadt

am 10.01.1996, vom Autor im Oktober 2000 überarbeitet und ergänzt

Johann Gottlieb Klamroth, der in der fünften Generation der von meinem Großvater Kurt Klamroth erforschten Linie Alterode/Halberstadt stand, stammte aus Emersleben und kam, früh verweist, mit dreizehn Jahren zu Johann Martin Mühlberg, Inhaber eines Material-, Farb- und Viktualiengeschäftes in Quedlinburg, in die Lehre. Der gewaltige Lehrbrief, der im wesentlichen Namen und Vorzüge des Lehrherrn Mühlberg preist, hing bis vor kurzem noch bei mir Zuhause an der Wand, jetzt habe ich mich entschlossen, dieses Dokument

den kundigen Händen des Gleimhauses in Halberstadt zu überlassen, wo es die Zeitläufte besser überdauern soll. 1787 wurde Johann Gottlieb von der Gilde der Krämer und Leinwandschneider "losgesprochen", also zum Gesellen ernannt, wie das noch bis in meine Lehrzeit hinein hieß.

1790 kam er nach Halberstadt, das damals etwa 12000 Einwohner zählte und gründete seine Material- und Viktualienhandlung.

Üblicher Weise werden historische Ereignisse in Entwicklungen eingeordnet, damit man sie besser versteht, schrieb der Historiker Gerd Roellecke 1988 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, und meinte auch jenen Abschnitt der deutschen Geschichte, die unser Uhrahn Johann Gottlieb in Halberstadt durchlebte. Die Entwicklungen verlaufen in der Regel nicht geradlinig, sondern nach den Mustern: Sündenfall und Erlösung, Herrschaft und Revolution, Konjunktur und Krise, Aufstieg und Verfall. Solche Auf- und Ab- Bewegungen erlauben es, Ereignisse zu bewerten und auch den negativen Ereignissen einen positiven Sinn zu geben....

Ich will versuchen diesem Ansatz folgend, aus meiner Sicht die Firmenchronik einzubetten in die hinter uns liegenden 200 Jahre. Was die Chronik selber angeht, stütze ich mich natürlich auf die vorliegenden Darstellungen. Die erste entstand zum hundertjährigen Geburtstag der Firma, als mein Urgroßvater Gustav Klamroth Prinzipal war, die zweite 1940 zum 150-jährigen Bestehen in der Blut- und Boden-Euphorie dieser Jahre. Aber den Satz: "Man kann das 19. Jahrhundert getrost und in jeder Beziehung das (erste) revolutionäre Jahrhundert der Wirtschaftsgeschichte nennen", kann man auch heute 55 Jahre nach seiner Formulierung noch an den Anfang seiner Ausführungen stellen.

Im ausgehenden 18. Jahrhundert gehörte das ehemalige Bistum Halberstadt als Fürstentum des Kurfürsten von Brandenburg zu Preußen. Es hatte sich nur langsam von den Folgen des siebenjährigen Krieges erholt. Noch war die Stadt von der Mauer umschlossen, durch die sieben Tore Ein- und Auslass boten. Die Verbindung Hannover - Braunschweig und weiter nach Gröningen war als Landstraße gut ausgebaut. Darüber hinaus waren die Verbindungen, auch zu den Nachbarstädten offenbar in mangelhaftem Zustand.

Einem Reisenden des 18.Jahrhunderts standen im Prinzip die gleichen Mittel zur Verfügung wie einem Reisenden im antiken Rom. Er konnte zu Fuß gehen, sich in einer Sänfte tragen lassen, reiten oder mit dem Pferdewagen fahren. Die Fahrzeuge waren wohl etwas bequemer als vor zweitausend Jahren, dafür die Straßen vielleicht schlechter. Auch der Gütertransport vollzog sich vor rund zweihundert Jahren noch nicht viel anders als vor Jahrtausenden.

Zwar waren die Segelschiffe und Wagen besser geworden, doch setzten die Möglichkeiten der Technik ihrer Leistung enge Grenzen. Der Durchbruch zum modernen Massenverkehr erfolgte erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, seine technischen und politischen Voraussetzungen aber liegen im 18. und 19. Jahrhundert. Es waren die Erfindung der

Dampfmaschine und des Verbrennungsmotors auf der technischen und weitgehender Freihandel und Arbeitsteilung auf der wirtschaftlichen Seite. 1769 erhielt James Watt ein Patent für eine stationäre und 1784 für eine bewegliche Dampfmaschine. 1804 bauten die englischen Ingenieure Vivian und Trevethik die erste brauchbare Dampflokomotive, die fast alle Merkmale späterer Konstruktionen aufwies.

In den VDI-Nachrichten stand am 06.10.1995 unter der Überschrift: "Erste deutsche Dampfmaschine ging vor 200 Jahren in Betrieb" über das VDI-Denkmal bei Hettstedt im Mansfelder Kupferschieferbergbau, gebaut für die Wasserhaltung im Burgörner Revier bei Hettstedt, das eine knappe damalige Tagesreise entfernt von Halberstadt liegt: "weil die erste Dampfmaschinenfabrik der Welt von Boulton & Watt nur gegen Gewährung eines Monopols bereit war, Dampfmaschinen nach Preußen zu liefern, entschloss man sich zum Selbstbau, nachdem man sich in England genauestens über die Konstruktion und den Betrieb informiert hatte.. Die einzelnen Dampfmaschinenteile wurden, weil es keinen fabrikmäßigen Maschinenbau in Deutschland gab, in weit voneinander liegenden Orten hergestellt. Den Dampfzylinder aus Kanonenbronze goss man in der königlichen Geschützgießerei in Berlin, die Kolbenstange und andere große Schmiedeteile kamen aus einem Hammerwerk in Oberschlesien, die Gusseisenteile lieferte die Eisengießerei im brandenburgischen Zehdenic, der Dampfkessel aus Kupfer wurde im königlichen Kupferhammer in Neustadt-Eberswalde angefertigt, und die Pumpenteile aus Gusseisen bezog man aus den Gießereien in Ilsenburg und Mägdesprung. Nach Beseitigung einiger Anlaufmängel arbeitete die Dampfmaschine von 1783 bis 1788 zur vollen Zufriedenheit. Sie hatte 14953 Taler 14 Groschen und 5 Pfennige gekostet, nur 2415 Taler über dem Kostenvoranschlag. Nach Einbau eines anderen Dampfzylinders und größerer Pumpen arbeitete die Maschine insgesamt bis 1848.."

Georg Stephenson konnte 1814 durch praktische Versuche die skeptische Öffentlichkeit davon überzeugen, dass glatte Räder auf glatten Schienen genug Reibung haben, um große Lasten zu bewegen. 1825 konnte Stephenson dann auf der Strecke Darlington-Stockton die erste öffentliche Dampfeisenbahn der Welt für den Güterverkehr einrichten, und 1830 eröffnete er auf der Strecke Liverpool-Manchester die erste Personenbahn.

Die Bauernbefreiung in Preußen kam per Edikt vom 9.Oktober 1807. §12: "Mit dem Martini-Tage Ein Tausend Acht Hundert und Zehn hört alle Gutsuntertänigkeit in Unserer sämtlichen Staaten auf. Nach dem Martinitag 1810 gibt es nur freie Leute.."

1810/12 folgt die Abschaffung des Zunftzwanges, die Einführung der Gewerbefreiheit, gleichmäßiger greifende Steuern, die wirtschaftliche und soziale Gleichstellung der Juden in Preußen.

Wann das Heilige Römische Reich Deutscher Nation vor etwa 10 Jahrhunderten definitiv begonnen hat, ist umstritten. Über das formelle Ende dieses Reiches, das immer mehr bombastischer Begriff als herrschende Realität war, ist man sich indessen einig. Es wird auf den 6. August 1806 datiert. Damals legte der letzte römische Kaiser Franz II. auf ein Ultimatum Napoleons hin die Kaiserkrone nieder und entband alle Reichsangehörigen von ihren Pflichten gegen das Reich"... Damals war Johann Gottlieb Klamroth 37 Jahre alt.

Ab 2. November 1814 begann offiziell der "Wiener Kongress", über deren hochrangigste Teilnehmer - der Korse Napoleon spielte keine Rolle mehr, gespottet wurde:

Alexander : liebt für alle

Friedrich Wilhelm: denkt für alle

Friedrich von Dänemark: spricht für alle

Maximilian von Bayern: trinkt für alle

Friedrich von Württemberg: frisst für alle

Kaiser Franz: zahlt für alle

1816: 39 Mitglieder des Deutschen Bundes, darunter der österreichische Kaiser, und die Könige von Preußen, Bayern, Sachsen, Hannover und Württemberg, und die vier Reichsstädte Lübeck, Frankfurt, Hamburg und Bremen waren "von den Vorteilen überzeugt, welche aus ihrer festen und dauerhaften Verbindung für die Sicherheit und Unabhängigkeit Deutschlands und die Ruhe und das Gleichgewicht Europas hervorgehen würden " überein gekommen, "sich zu einem beständigen Bunde zu vereinigen ". (Art. 1)

Sein Zweck war "die Erhaltung der äußeren und inneren Sicherheit Deutschlands und der Unabhängigkeit und Unverletzlichkeit der einzelnen deutschen Staaten " (Art. 2)

Die Bevölkerung dieser neununddreißig souveränen Staaten war zum größten Teil auf dem Lande und in den Kleinstädten ansässig. Dominierend war in diesen Gemeinwesen mit 5000 bis 20000 Einwohnern die dünne Schicht aus Kaufleuten und Handwerksmeistern, von höheren Beamten und Offizieren, die mit Titeln und Orden ihr minderes Einkommen kompensieren mussten. Am angesehensten waren die Rentiers, die ihr Geld arbeiten ließen oder als stille Teilhaber Einkünfte aus Warenlagern, Schiffen oder Banken bezogen.

Schulpflicht wurde erst um 1840 in allen deutschen Staaten eingeführt...

Für den Schutz des Eigentums und des Berufs, für die Sicherheit der Straßen und die nur vom Nachtwächter unterbrochene Nachtruhe nahm man bürokratische Schikanen und Zeitungszensur, den Bruch des Briefgeheimnisses und das Verbot des Tabakrauchens in der Öffentlichkeit hin. Die "Spießbürger", gerne mit Nachtmütze, Schlafrock und Pantoffeln abgebildet, von Behördenzwang und Morallehren gepresst, sollen einen unstillbaren Durst nach "Spektakel", den Vieh- und Jahrmärkte, Schützenfeste und Kirmessen boten, gehabt haben.

Über die Stadt Halberstadt und die Umgebung derselben heißt es in einem Versuch eines topographischen Handbuchs für Einheimische und Reisende von F. Niemann mit einem Plan der Stadt Halberstadt, bei Friedrich August Helm 1824, als der dort lebende Johann Gottlieb Klamroth 56 Jahre alt war:

"Wenn mitten unter den Wohnungen der Bürger mächtige Thürme der Gotteshäuser emporragen, wenn geräumige Säulenhallen ihre kühnen Bogen ziehen, von magischem Licht umflossen, sich an den hohen Fenstern die Gestalten der Heiligen beleben, und colossale Steinbilder aus fernen Zeiten bedeutungsvoll in unsere Tage hineinschauen, wenn alles dieses die Seele mächtig ergreift, was ist es, das allem diesen den hehren Reiz verleiht? Es ist der Gedanke an die Tage der Vorzeit, der Gedanke an die Einfachheit der Vorfahren, an ihre Ausdauer bei Hervorbringung jener Werke!

Wenn wir, fern von den Hoflägern der Fürsten, wo Glanz die Künste umstrahlt, in alterthümlichen Städten vergebens nach den Tempeln der Künste fragen, wohin flüchtet sich dann das sehnende Herz? Zu den der Gottheit geweihten Hallen und zu den stillen häuslichen Räumen, welche treulich bewahren, was das Leben ziert und das Herz veredelt..."

Halberstadt, die Hauptstadt des vormaligen Bistums, jetzigen Fürstenthums gleichen Namens, das durch den westphälischen Frieden an das Haus Brandenburg kam, liegt unterm 28 grd 43 min 18 sec östl. Länge und unterm 51 grd 54 min 3 sec geographischer Breite, oder Polhöhe. ...Das Gothaische Taschenbuch (bestimmt) auf das Jahr 1820 die Einwohnerzahl zu 14.294, nach dem Taschenbuche Kronos 1822 die Stadt aber 1861 Häuser und 14.680 Einwohner zählen soll (7.9 Einwohner je Haus, Anmerkung des Vortragenden)

Im Jahr 1203 fing man an, die Stadt mit Mauern und Gräben zu umziehen. Zur Zeit des 30jährigen Krieges waren ihre Festungswerke bedeutend genug, um feindlichen Angriffen glücklich widerstehen zu können, wie die kaiserlichen Feldherren Bönninghausen und Virmond am 16. und 29. Okt. 1631 nicht ohne Verlust erfahren haben.

Die Stadt ward im Jahr 1810 in vier Viertel, in das Dom-, Markt-, Voigtei- und Vorstädteviertel eingetheilt.

Es gibt sieben Thore, das Breite-, Kühlinger, Harsleber-, Johannis-, Burchhards-, Gröper-, und Neustädter- oder Wasserthor, wovon die meisten gewölbt sind... Unter den öffentlichen Plätzen kann sich der mit Pappeln und Linden bepflanzte Domplatz, gegen Morgen durch den Dom, und gegen Abend durch die Liebfrauenkirche begrenzt, ob er gleich kein regelmäßiges Viereck bildet, mit den Hauptplätzen größerer Städte messen...

Auf dem Holzmarkt sind von öffentlichen Gebäuden das Rathhaus und die Commisse zu bemerken. Ersteres, in den Jahren 1365 bis 1381 erbaut, zeigt auf der Abendseite eine kolossale Rolandsstatue... sie wurde ..im Jahre 1433 errichtet .. und 1686 renoviert...

Am Birn- oder Fischmarkte steht der von der Schuhmachergilde 1579 erbaute Schuhof, mit mannigfachem alten Schnitzwerk geziert; jetzt ein Privathaus, welches so geräumig ist, dass, nach von Bennigsens Versicherung, einstmals ein ganzes, auf dem Durchmarsch begriffenes, Infanterieregiment darin einquartiert werden konnte.

Zu den übrigen öffentlichen Plätzen gehören der Paulsplan, der Moritzplan und die Wohrd."

Im Jahre 1793 hatte der angesehene Innungsmeister der Schuhmachergilde

Christian Lehfeldt die Häuser Woort 2 und 3 im Besitz und betrieb einen gutgehenden Lederhandel. Johann Gottlieb war in diesem Hause ein gern gesehener Gast und stand der Hausfrau nach dem Tode dieses Christian Lehfeld 1797, den er wohl schon seit seiner Quedlinburger Zeit kannte, mit Rat und Tat zur Seite. Am 24. Juni 1802 heiratete er ihre Tochter Johanne Lehfeldt. Die Verbindung mit der Familie Lehfeldt war für das Unternehmen von entscheidender Bedeutung. Johann Gottlieb führte neben seinem Materialwarengeschäft den Lederhandel seines verstorbenen Schwiegervaters fort und verlegte sein Geschäft vom Fischmarkt nach der Woort. Mitten im Hause an der Woort war die Durchfahrt nach dem Hofe und den dort eingerichteten Speicherräumen. Gleich rechts von der Einfahrt, in der von der Decke herab eine große Balkenwaage mit Waagschalen hing, war der Materialwarenladen. Im Laden stand der Tresen, an dessen einer Ecke Johann Gottlieb Klamroth an den leider öfter vorkommenden falschen Geldstücken die "Execution" vollzog. Er nagelte sie dort einfach an. Hinter dem Laden war das Comptoir, wo er selbst arbeitete. Daneben war noch ein kleines Zimmer, in dem er mit Geschäftsfreunden sprechen konnte, für die er gelegentlich auch allerlei Aufträge ausführte, die man heute einem Grundstücks- Makler übertragen würde. Zur Wohnung der Familie Klamroth führte von dem

Vorplatz eine Treppe hinauf. Mit ihr stehen die geflügelten Worte in Verbindung:" In diesem Hause sehen wir Frau Johanne Klamroth mit jener quecksilbrigen Geschäftigkeit, die ihr immer eigen war, die Treppe auf und ab travaillen". Sie scheint allgegenwärtig gewesen zu sein. Sie hält die gern schwatzenden Ladenschwengel auf Trab, bedient zwischendurch Kunden und fasst den Stift beim Naschen aus der Zuckerbüchse ab. Indessen sitzt der Kaufmann Johann Gottlieb Klamroth ruhig rechnend in seinem Comptoir

über seinen Büchern und Briefen.

Er soll ein nachdenklicher, ruhiger Charakter gewesen sein. In aller Stille klügelte er seine Pläne aus, die er dann mit Nachdruck verfolgte.

Seit Anfang des Jahrhunderts war die Fruchtwechselwirtschaft an die Stelle der weniger effektiven Dreifelderwirtschaft getreten. Die neue "Agricultur-Chemie" des Gießener Chemikers Justus v. Liebig (1803 -1873) eröffnete durch die Einführung der künstlichen Düngung für Pflanzenanbau und Viehhaltung bisher ungeahnte Möglichkeiten.

Justus von Liebig wurde 1824 als Einundzwanzigjähriger Professor in Gießen. Er revolutionierte die Chemikerausbildung, entwickelte die Analysentechnik, erkannte die Bedeutung des Kohlendioxids und Stickstoffs für die Lebensvorgänge in Pflanzen und erfand den Kunstdünger. 1873 starb er in München. Die von ihm aufgeschlossenen, ungeheuren Möglichkeiten konnten nur mit den im Laufe der Industrialisierung entwickelten Maschinen realisiert werden, was Arbeitskräfte freisetzte. Das war dann der erste Teufelskreis, der die Umstrukturierung der Landwirtschaft und die Bevölkerungszunahme in zeitweilig unheilvoller Weise ergänzte. Heute wissen wir viel besser, dass Produktivitätsfortschritte nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen zu haben sind.

Johann Gottlieb sah, wie sich die Erzeugung der Landwirtschaft vermehrte und erkannte, dass sich zur Verteilung dieser steigenden Produktion der Handel einschalten musste. So nahm er nun auch den Handel mit landwirtschaftlichen Produkten auf. Weizen war damals ein Hauptausfuhrartikel namentlich nach England.

Bald nachdem sein, neben zwei Töchtern einziger Sohn Louis, der später Wilhelm Ludwig oder W.L. Klamroth zeichnete, am 5. November 1828 im Alter von 25 Jahren nach sorgfältiger Ausbildung in Braunschweig Teilhaber geworden war, zog sich der Vater Johann Gottlieb zurück. Darauf soll seine Frau Johanne einen nicht unerheblichen Einfluss genommen haben. Ihr gehörten ja auch noch die Häuser ihres Vaters an der Woort, die sie nun an den Sohn übertrug. Denn die gemeinsame Arbeit von Vater und Sohn ging nicht immer ohne Reibungen ab. Vater und Sohn waren zu verschieden veranlagt und der Altersunterschied groß. War der Vater eher bedächtig und reiflich überlegend, hatte der Sohn mehr die Neigung zu raschem Handeln und wollte die sich bietenden Chancen der beginnenden Industrialisierung aufgreifen.

So nahmen sich denn Johann Gottlieb und Johanne Klamroth ein kleineres Haus vor dem Wasserthore Nr. 1800 mit großem Garten und überließen die Firma und die Woort dem Sohn. Zu Johann Gottlieb kamen aber auch weiterhin die Kaufleute Halberstadts, um gemeinsame Interessen zu beraten, wie noch zur Zeiten der Gilde. Er starb hochgeachtet im August 1835 an einem Herzschlag mit 67 Jahren. Seine Frau überlebt ihn um 26 Jahre und erlebt nun den weiteren Aufstieg der Firma Klamroth unter der Leitung ihres Sohnes

Wilhelm Ludwig Klamroth.

Am 22. März 1833 vereinigten sich endlich der "Preußische Zollverband" und der "süddeutsche Zollverein" und besaßen nunmehr zolllose Handelswege von den Alpen bis zur Nord- und Ostsee. Den Vorteilen konnten sich die angrenzenden Länder nicht mehr verschließen. Am 1. Januar 1834 trat der "Deutsche Zollverein" in Kraft. Dem politischen Vielerlei des deutschen Staatenbundes stand die weitgehende wirtschaftliche Einheit eines Zollbundesstaates mit 23 Millionen Einwohnern unter der Führung Preußens gegenüber.

Die Kehrseite war 1844 der schlesische Weberaufstand, das Aufkommen sozialer Probleme von Lohnarbeitern und kleinen Handwerkern als Folge des technischen Fortschritts durch Mechanisierung in ungekanntem Ausmaß.

Auf der Strecke Nürnberg-Fürth (6 km) beförderte die Bahn im 1. Geschäftsjahr 1835/36 bei 2364 Dampffahrten 245809 Personen und bei 6001 Pferdefahrten 203590 Personen.

Die Deutsche Eisenbahnstreckenlänge begann mit 6 km, hatte 2 Jahre später 20 km, 1840 bereits 548 km, bis 1850 6044 km, 1860 11660 km, 1885 knapp 40000 km. Am 1. Juli 1843 rollte der erste Zug von Magdeburg nach Halberstadt. Im Jahre 1910 hatte das deutsche

Streckennetz mit 61148 km seine größte Ausdehnung. 1912 wurden 1,744 Milliarden Personen befördert. Die Überlegenheit der Bahn beruhte auf ihrer Transportgeschwindigkeit. Noch vor der Jahrhundertwende waren 100 km/h erreicht. Das sagt alles aus über

die Rasanz der technische Entwicklungen im vorigen Jahrhundert. Wie die Bürger und Kaufleute Halberstadts damals um schnelle und optimale Anbindung an dieses moderne Verkehrsmittel kämpften, vorneweg Wilhelm Ludwig Klamroth, der sogar durch die Stadtmauer hindurch über den Friedhof an der Franzosenkirche hinweg eine Straße zum vor der Stadtmauer liegenden Bahnhof durchsetzen wollte, weil die Kaufleute die Bedeutung für den Wohlstand der Stadt erkannt hatten, sollte leuchtendes Beispiel sein für unsere heute agierenden Politiker, die sich anscheinend mit Lösungen in der Auto- und -bahnanbindung zufriedengeben, die man vor 100 Jahren Halberstadt nicht zugemutet hätte und von den Kaufleuten der Stadt auch nicht akzeptiert worden wären.

Mit der Schnellessigbereitung und Herstellung von Bleizucker schuf die Firma J.G. Klamroth 1833 das erste größere industrielle Unternehmen in Halberstadt. Bleizucker ist eine Verbindung, die aus Blei und Essig besteht und in der Färberei und Zeugdruckerei, aber auch zur Herstellung von Arzneimitteln Verwendung fand. Hergestellt wurde das ganze in der Franzosenkirche, die seit 1818 leer stand und schließlich verkauft und dann von

Wilhelm Ludwig angemietet worden war. Heute kann man zu dieser Produktion

nur sagen Gott sei Dank, dass wenige Jahrzehnte später mit der Kohlechemie weniger giftige Ausgangsstoffe für Farbstoffe und Arzneimitteln Verwendung fanden.

Schon im Jahre 1835 erschien die Anzeige: "Eine kleine Partie ächten weißen Runkelrübensamen hat noch billigst abzugeben J.G. KLamroth", was darauf hinweist, dass die Entwicklung der Zuckerrübenexperimente aufmerksam verfolgt wurden. 1936 hieß es:"Ökonomen, welche geneigt sein sollten, weiße Runkelrüben zum Behufe der Zuckerfabrikation zu bauen, erfahren darüber Näheres bei J.G. Klamroth".

Zur Durchführung dieses Unternehmens gründeten Wilhelm Ludwig Klamroth und Friedrich Wrede die Firma Wrede und Klamroth, die sie neben ihren Stammgeschäften aufbauten und führten.

Die Fabrikationsstätte errichteten sie an der heutigen Sternstraße 9 in Halberstadt. Dort war die Zufahrt der Rüben günstig und das Abwasserproblem durch die Holtemme gelöst.

1837 wurden bereits 70 Arbeiter dort beschäftigt. Wrede übernahm die technische und Klamroth die kaufmännische Leitung. Die neue Firma begann Äcker im Umland zu pachten und kaufte schließlich das gegenüberliegende Grundstück, auf dem der Gasthof "Zum Stern" stand und machte den zum Wirtschaftshof für ihre Pachtäcker. Wilhelm Ludwig kaufte aus eigenem und dem Vermögen seiner Frau Bertha Tölke, die er als Tochter des Weinhändlers H.C. Tölke 1835 geheiratet hatte (weiteres geflügeltes Wort in der Familie nach einem zu ausgiebigen Frühschoppen der beiden: Tölke ist an allem Schuld ) , weitere Äcker in der Umgegend von Halberstadt an und verpachtete sie an die Firma Wrede und Klamroth, die bereits eine Dampfmaschine gehabt haben soll und jetzt 180 Arbeiter beschäftigte.

Am 28. März 1848 erschien folgende Bekanntmachung in der Oscherslebener Zeitung: "Die Fabrikanten Wrede und Klamroth beabsichtigen auf einem von der Gemeinde zu Kloster Gröningen erkauften dicht vor diesem Ort belegenen und von der Magdeburger Chaussee nach dem sogenannten Lutterteiche ziehenden Angerfleck eine Rübenzuckerfabrik mit einer Hochdruckdampfmaschine von 3 Pferdekräften und mit fünf Dampfkesseln anzulegen. Dieses Vorhaben wird in Gemäßheit der Allgemeinen Gewerbeordnung...zur öffentlichen Kenntnis gebracht mit dem Bemerken, dass etwaige Einwendungen dagegen binnen vier Wochen .. angebracht werden können."

Heute würde so etwas unter dem geltenden Bundes-Immissions-Schutzgesetz vom 14. Mai 1990 etwa 30 mal länger dauern, wenn es nicht gänzlich an einer Umweltverträglichkeitsprüfung scheitern würde. Damals nahm die Fabrik im Herbst 1848 die Arbeit auf. In ganz Deutschland arbeiteten damals mittlerweile 146 Fabriken, zwei davon in Halberstadt, wovon die größere vor dem Jahannistore am heutigen Sternenhaus schon Wrede und Klamroth gehörten, und produzierten zusammen 494.843 Zentner Rohzucker.

Die Julirevolution 1830 in Frankreich (Karl X wurde durch den Bürgerkönig Louis Phillipe, Herzog von Orleans ersetzt) begann auf Deutschland zu wirken. Kräfte regten sich, die auf die Dauer nicht mehr unterdrückt werden konnten. Die Jahre bis zur Revolution von 1848 müssen von einer zunehmenden geistigen und politischen Unruhe gekennzeichnet gewesen sein.

Es gab die Dichterschule "Junges Deutschland", darunter Heinrich Heine (1797 - 1856), Theodor Mundt und Georg Büchner (1813 - 1837)). Abgelehnt wurde alles Alte und Überkommene: der absolutistische Staat, die verkrustete, alte Gesellschaft, die Kirche, die tote Gelehrsamkeit der Universitäten und natürlich auch die Dichtung der vorhergegangenen Zeit. Sie wollten sich den Forderungen des Tages stellen und eine neue Staats- und Gesellschaftsform herbeiführen, in der Freiheit von allen Zwängen oberstes Gesetz sein sollte. Sie waren für eine neue Moral und Frauen-Emanzipation. Einig gegen die Kirche, uneinig in der Gestaltung der Zukunft. Die Sehnsucht nach einem politisch geeinten Deutschland - den Wunsch vieler Zeitgenossen- teilten sie nicht. Haben wir ähnliches nicht auch gerade wieder erlebt?

Leopold von Ranke sagte: Die Frankfurter Versammlung (erste deutsche Nationalversammlung der Vertreter des Volkes - vor allem allerdings des Bürgertums - beginnend am 18. Mai 1848) ist dadurch einzig in ihrer Art, dass in ihrer Mitte alle Fragen über das Gesamtleben der Nation in freier Diskussion erörtert wurden, und die verschiedensten Standpunkte wie in einer aneinanderschließenden Kette ihre Vertreter fanden. Sie war gleichsam eine Akademie der politischen Wissenschaften in bezug auf die nationalen Anliegen. Trotz vieler Misshelligkeiten hatten die Abgeordneten ein stolzes Werk vollbracht und Deutschland die erste von liberalem Geist geprägte Verfassung

gegeben. Aber sie hatten keine Macht. Friedrich Wilhelm IV. wurde am 28. März 1849 von der Nationalversammlung mit 248 Stimmen bei 290 Enthaltungen zum deutschen Kaiser gewählt. Wenige Tage später lehnte Friedrich Wilhelm IV ab. Das Ende waren Gefängnisse und Erschießungskommandos.

Im Jahre 1854 verhandelten Wilhelm Ludwig Klamroth, Friedrich Wrede und Amtsrat

Lunde, den sie als Verwalter der inzwischen ausgedehnten landwirtschaftlichen Besitzungen beteiligt hatten, mit dem Domherren von Spiegel über den Kauf des Klostergutes Gröningen, das sie bisher gepachtet hatten und erwarben es zum Preise von 167.500 Talern. Als ihre Halberstädter Zuckerfabrik 1861 das 25-jährige Bestehen feierte, wurde den beiden Gründern der Titel königl. preuß. Kommerzienrat verliehen.

Stets blieb aber das "Stammgeschäft J.G.Klamroth" im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und Anstrengungen der Eigner. Dort hatte sich der Absatz von Knochenkohle und -mehl als Düngemittel vermehrt und sogar Zement als neuer Handelsartikel war aufgenommen worden, nachdem 1850 in Stettin die erste Zementfabrik errichtet worden war. Wilhelm Ludwig nahm am 24.11. 1860 seinen damals ebenfalls erst gerade 25 Jahre alt gewordenen Sohn als Teilhaber in die Firma auf. Der dazu geschlossene Gesellschaftsvertrag hat bereits alle Züge auch heute noch praktizierten Gesellschaftsrechts und was darüber noch zu erfahren ist, ist für mich eine Musterbeispiel kluger Vorgehensweise auch unter nächsten Verwandten.

Beide erreichten schließlich auch endlich den Durchbruch der Stadtmauer mit der Antoniusstraße. Der letzte, der sich noch gewehrt hatte, war der Baron von Spiegel, der immer noch glaubte, die Stadt sei dadurch nun verwundbarer geworden.

Es spricht für den nüchternen Geschäftssinn der beiden Kommerzienräte, die die "70" überschritten hatten, und wie gesagt ihre Stammgeschäfte immer noch erfolgreich weiterführten, dass sie erkannten, dass die Standorte ihrer Zuckerfabriken mit der Zeit nicht mehr optimal waren und dies im wesentlichen deshalb, weil sie keinen Bahnanschluss bekommen konnten und die Modernisierung und Vergrößerung der beiden Fabriken, um ihre Produktivität zu steigern, riesige Aufwendungen verursacht hätten, sodass sie sich zur Stilllegung und Auflösung entschieden. Dabei war Meinungsführer wohl der Techniker Wrede, und auch Gustav Klamroth wird seinem Vater nicht gerade abgeraten haben.

Gustav Klamroth wurde denn auch die Stilllegung und Liquidation übertragen.

Im Laufe der Umsetzung dieses Auftrages übernahmen Vater und Sohn Klamroth die Zuckerfabrik und das Rittergut Kloster Gröningen, das von Gustavs Bruder Karl bewirtschaftet wurde, während dort die Zuckerfabrik für 880.000 Goldmark verkauft wurde.

Das Grundstück Sternstraße 7 erwarb Gustav Klamroth für sich selbst und

richtete sich später dort einen Sommersitz ein. Sein Vater Wilhelm Ludwig

Klamroth zog von der Sternstraße zum Domplatz Nr.8 Am 1. Mai 1876 waren alle Transaktionen beendet und hatte sich Gustav Klamroth als umsichtiger und erfolgreicher Kaufmann hoch bewährt.

Inzwischen hatte J.G. Klamroth rasch steigende Handelsumsätze mit den so genannten "Ersatzdüngemitteln" zu verzeichnen. "Guano" hatte sich als das geeignetste Rohmaterial zur Herstellung von Superphospat herausgestellt. Jetzt überlegte Gustav Klamroth, selbst Superphophat zu produzieren. Dazu brauchte er Schwefelsäure, die in und um Halberstadt schwer zu beschaffen war. Der Zufall wollte es, dass er auf Reisen den Vorsitzenden des Verwaltungsrates der Chemischen Fabrik zu Nienburg an der Weser traf. Die suchte Abnehmer für ihre Überschüsse an Schwefelsäure. So begann im Herbst 1864 dort die

Herstellung von eigenem Superphosphat, das für die Frühjahrsbestellungen 1865 angeboten wurde: Gustav Klamroth schrieb damals an den Landrat Rimpau in Langenstein, den Vorsitzenden des regionalen landwirtschaftlichen Vereins : "..haben wir mit der Chemischen Fabrik Nienburg an der Weser die nötigen Arrangements dahin getroffen, dass wir die Fabrikation von phosphorsaurem Kalk ...selbst ausführen können. .., zu billigeren

Preisen, als bisher. ..Durch die eigene Aufschließung sind wir in der Lage, hinsichtlich der Qualität der Ware allen gerechten Ansprüchen zu genügen..."

Der Versuch der eigenen Herstellung von Düngemitteln gelang und führte zum Erwerb und dann zum Ausbau der Fabrikanlagen in Nienburg mit wachsendem Erfolg.

Im Jahre 1867 wird Gustav Klamroth zum Stadtverordneten der Stadt Halberstadt gewählt und erfüllt dieses Ehrenamt mit Ernst und Zuverlässigkeit, seit 1894 bis 1904 , ein Jahr vor seinem Tode als Vizepräsident dieses Collegiums. Mit besonderem Engagement warb er auch für die Errichtung einer Handelkammer in Halberstadt und erreichte 1872 sein Ziel. Die Handelskammer Halberstadt war gegründet und wählte Gustav Klamroth zum Vizepräsidenten. Benachbarte Kreise schlossen sich ihr an, sodass sie bald den

Einflussbereich der Magdeburger Kammer überflügelte.

1861 wird Wilhelm I. zum König gekrönt. Es kommt zu Konflikten über die von ihm betriebene Heeresreform (2 oder 3-jährige Dienstpflicht ?, Offiziere nicht mehr nur aus dem Adel sondern auch aus dem Bürgertum, das alles verbunden mit dem Namen Roon) und es kommt zum Verfassungskonflikt mit dem Stichwort Budgetverweigerung. 1862 wird Bismarck zum Ministerpräsidenten berufen. 1964 beschert der gemeinsame Sieg mit den Österreichern über die Dänen (Düppeler Schanzen 1864) Schleswig für Preußen, Holstein bleibt bei Österreich. 1866 dann Krieg gegen Österreich und die Schlacht bei Königgrätz in Böhmen (getrennt marschieren, vereint schlagen, Helmuth von Moltke). Am 23.8.1866 schließlich der Friede von Prag, nach dem Preußen in Norddeutschland umfangreiche Annexionen vornehmen konnte (Hannover,Kurhessen und Nassau)

Dazu kamen die Elbherzogtümer und die freie Stadt Frankfurt. Preußen und die kleineren Staaten nördlich des Mains schlossen sich zum Norddeutschen Bund zusammen, der "Deutsche Bund" war endgültig aufgelöst, Österreichs Vormachtstellung in Mitteleuropa gebrochen.

Bismarck brachte, um den Verfassungskonflikt mit dem Parlament beizulegen, die Indemnitätsvorlage ein, das damit nachträglich die Staatsausgaben billigen sollte. Die Vorlage wurde mit großer Mehrheit angenommen, der Verfassungskonflikt war beendet und der Politiker Bismarck saß fest im Sattel.

Die Kandidatur des Erbprinzen Leopold aus der katholischen Linie der Hohenzollern für den spanischen Thron führte zum Konflikt Preußens mit Napoleon III, der Frankreich in Europa ins Hintertreffen gekommen sah. Leopold zog zwar zurück aber Wilhelm I. sollte noch eine ausdrückliche Garantie geben, diese Kandidatur in Zukunft nicht mehr zuzulassen.

Die"Emser Depesche" des preußischen Königs, von Bismarck im Tonfall verschärft, lehnte das ab. Am 19.7.1870 erklärte Frankreich Preußen den Krieg. Napoleon III wird bei Sedan am 2.9.1870 gefangen genommen.

Am 10.12.1870 hatte der Norddeutsche Reichstag beschlossen, den Bund in

Reich umzubenennen und das Bundespräsidium mit dem Kaisertitel auszustatten.

Am 18.1.1871 fand im besiegten Frankreich, Spiegelsaal von Versailles die Zeremonie statt, in der Wilhelm I. die Deutsche Kaiserwürde "annahm". Preußen diktiert einen Vorfrieden von Versailles am 26.2.1871 und den Friede von Frankfurt am 10.5.1871, bekommt eine

Kriegsentschädigung von 5 Milliarden Franc, die Abtretung des Elsaß und Teile von Lothringen mit der Festung Metz.

1871 machte die Arbeiterklasse im Deutschen Reich etwa ein Fünftel, 1882 ein Viertel und 1907 ein Drittel der Gesamtbevölkerung aus, die zwischen 1871 und 1914 von 41 auf über 65 Millionen anwuchs. Die Industrie entfaltete sich in den Schwerpunkten Ruhrgebiet, Saarrevier, Oberschlesien und Sachsen. Ringsum blieben agrarische Verhältnisse noch lange erhalten. Es kam nach 1871 zum Gründerboom und 1873 schon zum Gründerkrach mit der Folge langanhaltender Wirtschaftsdepression trotz allen liberalen Gewährenlassens in dieser Zeit, wo der Kulturkampf wichtiger zu sein schien. Die Begleiterscheinungen waren Preisverfall und Arbeitslosigkeit. Zwischen 1873 und 1879 sanken die Großhandelspreise um ein Drittel! Erst 1910 hatten zunächst die Rohstoff- und dann die Lebensmittelpreise wieder den Stand von 1872 erreicht. Das überlebten nur die gesunden und kreativen

Unternehmen. Deutschland wurde einerseits zum modernen Industriestaat andererseits kam es 1878 zur Wende zurück zu konservativen Verhaltensweisen: zur "Allianz von Roggen und Eisen", die Armee wurde wieder zur "Schule der Nation". Bei Einstellungen wurden Adeligen, Reserveoffizieren, und Corpsstudenten der Vorzug gegeben.

Am 9. März 1888 stirbt Kaiser Wilhelm I. Sein Sohn Friedrich III kann nur 99 Tage regieren, dann folgt dessen Sohn Wilhelm II. (1888 - 1918), schneidig, aber wohl voller Minderwertigkeitskomplexe und deshalb wild entschlossen, dem Deutschen Reich einen Platz an der Sonne notfalls militärisch zu erkämpfen. Bismarck ging von Bord, seine Zeit war abgelaufen.

Gustav Klamroth hatte unterdes seine Geschäfte klug geführt, bewahrt und wo es ging erweitert. 1887 hatte er in der Gerberstraße noch zwei Häuser dazu gekauft, das alte kleine Haus an der Woort Nr.2 abgerissen und einen stattlichen Neubau an dessen Stelle gesetzt. Jetzt hatte man neben der nötigen Büroraum-Erweiterung sogar einen Festsaal- und den ersten Telefonanschluss!

Zum 100 - jährigen Bestehen der Firma 1890 wurde auch Gustav Klamroth der Titel des königl.- preuß. Kommerzienrates verliehen.

Kurt Klamroth, der zweite Sohn Gustavs, wurde am 01. Januar 1898 wiederum 25-jährig in die Firma als Teilhaber aufgenommen. Seinen älteren Bruder Johannes zog es in die Landwirtschaft. Vater und Söhne müssen sich schon frühzeitig geeinigt haben. Kurt hatte eine gründliche Kaufmannsausbildung genossen, die im Bankhaus Vogler begonnen hatte und sich dann über England bis in die USA ausgedehnt hatte. Er hatte das englische Rasen-Tennis an die Sternstraße mitgebracht und mit den Töchtern Halberstadts und Quedlinburgs Tennis gespielt, ein gesticktes Mitgliederverzeichnis dieses ersten Tennisclubs Halberstadts ist eines der originellsten Erbstücke, die die Familie noch besitzt. Die fröhlichen Zusammenkünfte im Garten des Sternenhauses führten zur zunächst heimlichen Verlobung und dann zur Hochzeit mit Gertrud Vogler.

"Am 9.Oktober 1897 spielte die Regimentskapelle der Halberstädter Kürassiere im weißen Koller zu einem Hochzeitsessen im "Prinz Eugen" und eine Abordnung der Unteroffiziere der 5. Schwadron erschien im Saale, um dem Bräutigam, der kurz vorher bei dieser Schwadron eine Reserveoffiziersübung gemacht hatte, eine Palme und Glückwünsche zu überbringen. Johannes Klamroth erschien auf dem Polterabend als alter Zauberer, der Abschied nahm von seinem Zauberlehrling, denn beide Brüder hatten von Jugend auf mit ziemlicher Geschicklichkeit Taschenspielerkunststücke getrieben, wobei der jüngere Bruder vom älteren gelernt hatte." Soweit der Ausschnitt aus einem authentischen Bericht.

Am 05.07.1901: schreibt Gertrud Klamroth, geb. Vogler in das Kindertagebuch ihres damals 2 1/2 - jährigen Sohnes Johannes Georg: "Das war eine herrliche Zeit für uns alle, als wir auf der Sternstraße beim Großvater wohnten! Wie herrlich hat unser Junge dort in dem großen Garten spielen können... Oder Du sahst zu, wenn Vater u. Mutter Tennis spielten..."

Die Freundschaft zwischen den Familien Klamroth und Vogler wurde zur Verwandtschaft. Gustav Klamroth und Ernst Vogler traten auch im politischen und kommunalen Leben viele

Jahre lang gemeinsam auf. Beide gehörten dem Vorstand der nationalliberalen Partei in Halberstadt an und führten jahrelang den Vorsitz im Stadtverordnetenkollegium.

Kurt Klamroth hatte während seiner Ausbildungszeit mancherlei Neuerungen, auch technischer Art, kennen gelernt, die die Büroarbeit erleichterten. Dazu gehörten Telefon und Schreibmaschine, die er sogar auf Reisen für Postkarten benutzte, das Automobil natürlich und wichtiger noch, das amerikanische accounting-System, das überhaupt erst einen Kostenüberblick über das inzwischen weit diversifizierte Handels- und Fabrikationsgeschäft erlaubte. Nur nach und nach war das gegen den Widerstand des alten Herrn, einzuführen, der Sorge hatte, die menschliche Verbundenheit mit den Kunden und Mitarbeitern könne dadurch verloren gehen.

Schon vor dem Tode Gustav Klamroths im Jahre 1905 hatte sich sein Nachfolger

Kurt aktiv in das Verbandswesen, das heißt ganz speziell in die Kartellierungsbestrebungen der deutschen Superphosphatindustrie eingeschaltet. Ganz ähnlich wie schon bei der Zuckerindustrie 40 Jahre vorher waren nach den 37 Superphosphatfabriken im Jahre 1870 10 Jahre später bereits 110 Fabriken am Werk. Die Preise verfielen um 25 % und die bis 1881 (16.000t) steile Düngerabsatzkurve der Firma J.G. Klamroth verflachte und stagnierte, ging 1895 sogar auf einen Tiefpunkt von 10.000 Tonnen zurück bis sie 1911 wieder eine Spitze von 22.500 t erreichte. Damals, ohne nennenswerte staatliche Wirtschaftsadministration, versuchten die Produzenten immer wieder das Problem mit Kartellen zu lösen, die angeblich keine Preisabsprachen sondern nur Kontingentierungen festlegten. Es war ein Kampf gegen die Überproduktion und den damit verbundenen weiteren Preisverfall der Düngemittel und damit verbundenem Ertragsrückgang, dem sich Kurt Klamroth nun vornehmlich widmete, während seine Mitarbeiter, allen voran die Prokuristen Steinmann und Busse sich im Kampf um die Kunden gegen die Konkurrenz behaupteten. Aber auch auf der Rohstoffseite gab es immer wieder Probleme, denen Kurt Klamroth durch die maßgebliche Mitarbeit am Entstehen und in der Beteiligung an einem Curacao-Konsortium beizukommen suchte. Von 1902 an bis 1912 widmete er sich immer wieder in England, Holland und vor Ort dieser Aufgabe, bis 1913 endlich die erste Schiffsladung Curacao- Phosphat zur Weiterverarbeitung in Nienburg eintraf.

Auf Vorschlag von Ernst Vogler, seinem Schwager, war Heinrich Schultz 1910

nach dem Tode des Prokuristen Steinmann in die Firma gekommen. Er hatte vorher

längere Zeit in England und Amerika gearbeitet und kam zur Unterstützung für die schwierigen Verhandlungen für das Curacao-Konsortium gerade recht. Er wurde allerdings sehr unterschiedlich beurteilt. Schultz, der sich später den Namenszusatz tho Jührden zulegte, heiratete Hanna Vogler, die jüngste Schwester meiner Großmutter Gertrud und wurde Schwippschwager von Kurt Klamroth und Schwager von Ernst Vogler zugleich. Kurt Klamroth nahm ihn am 1. Juli 1913 als Teilhaber auf.

Ich vermute, dass mein Großvater sich damit Raum und Zeit schaffen wollte für seine großen Passionen, die Reserveoffizierslaufbahn, die Ahnenforschung und für seine künstlerischen Ambitionen. Er konnte bemerkenswert gut modellieren und wäre sicher auch ein bemerkter Bildhauer geworden.

Die Verbindung zum Architekten Muthesius und der Bau seines Hauses am damaligen Bismarckplatz steht sicher auch mit diesen Fähigkeiten, wie mit seinem ausgeprägten Familiensinn in Verbindung.

Zur Ahnenforschung: Am 24. December 1906, mit 34 Jahren, schreibt er zum Beispiel an seinen Vetter Ernst Gruson nach Quedlinburg: "Die kommenden Festtage bringen für einen Fabrikanten etwas Ruhe mit sich, da sich noch nicht die Sitte eingebürgert hat, auch meine Fabrikate auf den Weihnachtstisch zu legen. - Also ich will heute Deine verschiedenen Anfragen beantworten.- Über Ernst Wachtel habe ich bis jetzt erfahren können...."

Weihnachten 1908 legt er der Familie und Freunden die erste Ausgabe der Blätter über die Familie Klamroth auf den Tisch.

Das Haus meiner Großeltern im Jahre 1912

Zu Schultz tho Jührden schreibt der Prokurist Alexander Busse in seinen Aufzeichnungen unter dem Titel "Über meine fünfzigjährige Tätigkeit und Mitarbeit unter vier Generationen der Firma J.G.Klamroth, Halberstadt", nachdem er zunächst begonnen hatte, "..Mein derzeitiger Hauptchef war Herr Gustav Klamroth, 1890 mit dem Kommerzienrats Titel beehrt, doch ließ es sich der Vater, Herr Kommerzienrat Ludwig Wilhelm Klamroth als Mitinhaber nicht nehmen, jeden Tag im Kontor zu erscheinen, um sich zu vergewissern, ob seitens der Kundschaft gehörig unsererseits den Verpflichtungen nachgekommen würde bzw nachgekommen werden konnte.. Am 7. August 1910 starb leider August Steinmann infolge einer seines langjährigen schweren Blasenleidens wegen einer in Berlin ausgeführten Operation. Seinen Verlust habe ich schmerzlich empfunden und herzlichst beklagt, war er mir doch ..ein lieber, treuer Kollege u. Freund geworden. An seiner Stelle kam durch Empfehlung und Vermittlung seitens des Herrn Ernst Vogler zu uns Herr Heinrich Schultz aus Geisenheim.. Durch erzielte Schwagerschaft mit Herrn Vogler und damit auch mit Herrn

Kurt Klamroth hat Herr Schultz es auch verstanden, dass er Mitteilhaber der Firma J.G.KLamroth wurde. Durch seinen Egoismus und sein herrschsüchtiges Wesen müssen solche Misshelligkeiten zwischen den Herrn Klamroth und ihm entstanden sein, die die Herren Klamroth veranlassten, sich (später!) von ihm zu trennen.."

Dagegen schreibt Kurt Klamroth an seinen Sohn Johannes Georg am 18. August 1920, als der wiederholt gedrängt hatte, er könne eigentlich nichts mehr Neues lernen bei den Lehrherren (mit denen er zugegebenermaßen heftige Meinungsverschiedenheiten hatte): "Gewiss würdest Du auch bei J.G.Klamroth eine ganze Menge lernen, aber ich möchte Dich aus Grundsatz nicht früher in das Geschäft hineinnehmen, als bis in absehbarer Zeit Deine Aufnahme als Teilhaber erfolgen kann. Die Branchenkenntnisse, auf die ich gar nicht so besonderen Wert lege, erwirbst Du Dir noch zeitig genug. Es kommt mir für Deine Ausbildung vielmehr darauf an, dass Du Dir eine gute allgemeine kaufmännische Ausbildung aneignest, als dass Du spezielle Fachkenntnisse sammelst. Denke an Onkel Heinrich (Schultz tho Jührden). Als ich ihn s. Zt. für eine leitende Stelle engagierte, da hatte er nicht die blasseste Ahnung von 9/9 und Superphosphat, aber eine glänzende Allgemeinbildung. Viele Leute schüttelten den Kopf, dass ich das wagte. Ich hielt es aber für das Richtige und der Erfolg zeigte, dass ich Recht hatte. Solche Allgemeinbildung als

Kaufmann kann man sich nur in fremden, gut geleiteten Geschäften erwerben, wo man mit offenem Blick alle Verhältnisse beobachtet.. Nur durch frische Zufuhr von Kenntnissen

von außerhalb kann eine Firma auf der Höhe bleiben, Du brauchst ja deswegen nicht gleich eine so gründliche Umorganisation vorzunehmen, wie ich es s.Zt. bei der Firma I.G.Kl. getan habe!" Der Brief schließt mit herzlichem Gruß, Dein Dich liebender Vater.

Vorher schon, aber nach meiner Auffassung erst 1934, nach der Trennung von Schultz, in seinem Kriegstagebuch 1914-1918 veröffentlicht, bemerkt er: "In den letzten Wochen (Anfang 1916, auf Krankenurlaub in Halberstadt) hatte ich schon wieder regelmäßig in meinem Geschäft gearbeitet.. Während dieser Zeit konnte ich einen Einblick gewinnen, mit welch großen Schwierigkeiten und Nöten, mein Schwager und Teilhaber der Firma J.G.Klamroth, Heinrich Schultz, besonders in den ersten Kriegszeiten in geschäftlicher Beziehung zu kämpfen gehabt hatte. Er hat es in meisterhafter Weise verstanden, das Schiff der Firma durch alle die Klippen und Riffe, die in dem unruhigen Fahrwasser der Kriegszeit auftauchten, hindurch zu steuern. Es gebührt ihm großer Dank dafür! ..Oft hat er mit mir darüber gesprochen, ob er nicht doch irgend wie versuchen solle, noch als Soldat anzukommen. Ich konnte ihm nur davon abreden; jede Kraft muss da verwendet werden, wo sie dem Vaterlande am meisten nützt und er kann mit seinen Kenntnissen und Fähigkeiten im Inlande mehr helfen, als draußen als unausgebildeter Soldat.. Unserer ganzen Familie aber war es eine große Beruhigung, ihn als zuverlässigen Ratgeber in Halberstadt zu wissen.

In diesen Zeitzeugnissen aus der Firma ist der erste Weltkrieg schon präsent. Es war eine Frage der Ehre, dass Kurt Klamroth von Anfang an bis über sein Ende hinaus als Offizier dabei war. Darüber legte er sein umfangreiches Tagebuch " Meine Erlebnisse im Weltkriege" vor.

Die Hemmungen der Moral, einer Moral, die man sich gewöhnt hatte, als universalistisch zu verstehen, erwiesen sich 1914 als dünnes Mäntelchen, das im Sturm davonflog, sobald die nationalen Gefühle angesprochen waren. Am Ende dieses Jahrhunderts stehen wir vor einer Reihe weiterer Enttäuschungen. Immer wieder und bis heute auf dem Balkan und Teilen Afrikas und Asiens wurden und werden wir mit Unmenschlichkeiten konfrontiert, die offenbar in unserer Spezies angelegt sind und die uns immer wieder zurückwerfen. Wir sahen 1914 ein ganzes Volk sein Ressentiment nach außen so steigern, dass es schließlich so weit war, andere als Untermenschen anzusehen, so etwa schreibt der Philosoph Ernst Tugendhat und ich kann mich seinen Betrachtungen über Moral, die immer universalistischen Anspruch haben muss, und über partikularistische Interessen und Gefühle, von denen es dann zum Feindbild nicht mehr weit ist, nur anschließen. Auch dem Patrioten fällt es leichter, seine Bereitschaft zum Krieg nicht gleich als Fortfall des moralischen Bewusstseins zu deuten, wenn er sie als Bereitschaft zur Verteidigung des Eigenen versteht.

Das möchte ich meinem Großvater und seinen Söhnen gerne zubilligen. Nur sollten wir mit Ernst Tugendhat inzwischen gelernt haben, dass die Übergänge zwischen Verteidigen und Angreifen fließend sind und dass die Berufung aufs Moralische in der Rede vom gerechten Krieg sehr dehnbar sind.

Ganz profan brach der Krieg für die Firma im August zum ungünstigsten Zeitpunkt aus. Die Lagerräume der Superphosphatfabriken waren prall gefüllt, die Auslieferung an die Landwirtschaft musste sichergestellt sein, sonst war nicht nur die Winterbestellung der Landwirte gefährdet, sondern auch die Produzenten konnten illiquide werden, weil sie den größten Teil ihrer Mittel in ihre Düngerläger gesteckt hatten. Und nun fehlte Transportraum, weil die Bahn Soldaten und ihre Ausrüstung transportierte. Schließlich wurde erreicht, dass

- nach dem Aufmarsch der Heerestruppen ! - Düngemittel an dritter Stelle nach Nahrungs- und Futtermitteln auf die Dringlichkeitsliste für Beförderungen kam.

Der Absatz der Nienburger Fabrikate ging, auch aus Rohstoffmangel von 19.387 t

im Jahre 1914 auf 3.407 t 1918 zurück. Der Preis stieg allerdings in der gleichen Zeit um mehr als 600 %.

Kurt Klamroth hatte unterdessen nach der Führung von Nachschubkolonnen zunächst in Frankreich und dann in Rußland zusammen mit dem vormaligen Bürgermeister von Halberstadt die Militärverwaltung der Stadt Grodno in Polen geführt und war dann Vorstand der Kriegsamtstelle Magdeburg geworden, die ein Gebiet etwa von der Größe des heutigen

Landes Sachsen-Anhalt auf die Kriegswirtschaft auszurichten hatte.

Am 15. August 1918 wurde auch ihm der Titel Königlich Preußischer Kommerzienrat in Anerkennung seiner Verdienste um die Industrie, Handel, Gewerbe und Landwirtschaft während der Kriegszeit verliehen. In Magdeburg erlebte er den Zusammenbruch des Kaiserreiches und schied am 13.12.1918 aus dem Militärdienst aus.

Die Halberstädter Zeitung (und "Intelligenzblatt") schreibt am 30.09.1941 unter der Überschrift Kommerzienrat Kurt Klamroth 50 Jahre Soldat unter anderem:

" Nach Kriegsende wurde er am 13. Dezember 1918 aus dem Heeresdienst entlassen mit der Berechtigung zum Tragen der Uniform unseres alten Kürassierregiments. Am 3. März 1921 erfolgte die Beförderung zum Major d.R. Kommerzienrat Klamroth, der Inhaber der weltbekannten Firma J.G.Klamroth, ist mit Leib und Seele Soldat bei unseren Seydlitzern gewesen und gehört noch heute der Kameradschaft der ehem. Kürassiere an..Kommerzienrat Klamroth hat aber auch sonst viel für die Entwicklung unserer Stadt getan. Er war lange

Jahre hindurch Vorsteher des Stadtverordnetenkollegiums und auch nach 1933 noch

in zahlreichen Ehrenämtern tätig. Ganz besondere Verdienste hat er sich um die

Entwicklung des "Familienkundlichen Abends" erworben.."

Die geschäftliche Arbeit der Firma J.G. Klamroth ging nach dem ersten Weltkrieg stark zurück. Die Firma suchte ihren Handel auszudehnen und verstärkte das Angebot an Sämereien, nahm auch den Getreidehandel wieder auf. Wesentlichen Halt gab die Beteiligung an der holländischen Curacao-Aktiengesellschaft, in deren Aufsichtsrat Kurt Klamroth weiterhin saß. Während der Inflationszeit konnte er für einen einzigen holländischen Gulden die gesamten Fahrtkosten von der holländischen Grenze bis nach Halberstadt bezahlen!

Wie es wirklich in den Herzen und Köpfen meiner Vorfahren in dieser Zeit zwischen den beiden größten und unmenschlichsten Kriegen, die die Welt bisher zu erleiden hatte, aussah, kann man nur ahnen, sie gaben Ihre Gedanken und Gefühle nicht preis. Ich habe versucht, etwas einzufangen und auszudrücken, was ich auch zwischen den Zeilen des

Kriegstagebuches meines Großvaters las in der auszugsweisen Wiedergabe seiner und meines Vaters episodischen Kriegserinnerungen unter dem Titel "Unsinniger Krieg"

Johannes-Georg Klamroth wurde am 1. Juli 1923 im 25. Lebensjahr Teilhaber der

Firma. Es war das schlimmste Inflationsjahr, das Deutschland je erlebte. Erst

am 1. Januar 1924 konnte man wieder mit festen Zahlen rechnen und erholten sich

langsam die Absatzzahlen der Firma. Die Bilanzsumme betrug nach den Zeiten des

wirtschaftlichen Niedergangs noch 703.961,22 Goldmark, während sie vorher mit

2 Milliarden 491 Millionen 366 Tausend und 69 Papiermark 88 Pfennig geschlossen

hatte.

Als im Jahre 1930 der Syndikatsvertrag der Superphosphatfabrikanten zu erneuern war -ohne Kartell lief das Düngergeschäft schon fast 50 Jahre nicht mehr-, schlug Johannes Georg vor, das Klamroth`sche Produktionskontingent an das Syndikat zurück zu verpachten und stattdessen einen Vertriebsvertrag für Syndikatsware abzuschließen. Nach 66 Jahren Betriebszeit wurde die Nienburger Fabrik stillgelegt und die schon länger unwirtschaftlich gewordene Produktion eingestellt. Das muss ein hartes Ringen des jungen Nachfolgers mit den alten Herren gewesen sein und führte wohl auch zum Ausscheiden des vorher schon erwähnten angeheirateten Onkels Heinrich Schultz tho Jührden um den Preis eines goldenen Handschlags, wie man heute so schön sagt. Die Firma verkraftete auch das und konnte sich nun wieder verstärkt dem Landwarenhandel widmen.

Zitat aus "Der Deutsche Landwarenhandel", Alfred Strothe Verlag Hannover 1960:

1940, als die Firma ihr 150-jähriges Jubileum feiern kann, verfügt sie in Halberstadts Umgebung über fünf Filialen mit eigenen Lagerhäusern. Das Hauptgeschäft hat fünf Abteilungen für Düngemittel und Schädlingsbekämpfungsmittel, für Brau-, Industrie- und Futtergerste, für Brotgetreide und Mehl, für Futtermittel und Hülsenfrüchte und für Sämereien, Saatgetreide, Bindegarn und Ölfrüchte. Deutlich zeigt diese Firmengeschichte die Ausweitung des Geschäftes, zeigt, wie der gute Landwarenhändler Träger des Fortschritts ist.."

Johannes Georg fiel dem Hitler-Regime zum Opfer, nachdem der Verführer und bitter ironisch so genannte Verbrecher "Gröfaz" ("größter Feldherr aller Zeiten") den 20. Juli 1944 noch überlebt hatte.

Kurt Klamroth (d.j., der Jüngere), mein Vater, überstand das in Sippenhaft verhängte

Strafbataillon Dirlewanger und übernahm notgedrungen die Führung der Geschäfte, als er sich 1945 wieder aus dem Osten zurück nach Halberstadt durchgeschlagen hatte.

Am 21. Dezember 1946 spricht er vor den Mitarbeiern der Firma J.G.Klamroth und ich zitiere Auszüge aus seinem dreieinhalbseitigen Manuskript:

"Vor einem Jahr kamen wir zum ersten Mal zu einer Stunde weihnachtlicher Besinnung zusammen. Ich freue mich, dass wir diese Tradition heute fortsetzen können und darf Sie zugleich im Namen meiner Eltern, meiner SchwägerinFrau Else Klamroth und meiner Frau recht herzlich begrüßen... Scheint mir

dieser Zeitpunkt aber auch in besonderem Maße geeignet, uns in einer gemeinsamen Betriebsfeierstunde auf den Sinn unserer Arbeit und den Ablauf des vergangenen Arbeitsjahres zu erinnern.. Das Jahr 1945 war das Jahr des großen Neubeginns. Es brachte das Ende des Krieges, das Ende aller sinnlosen

Zerstörungen und zugleich mit diesem Ende den Beginn eines neuen Einsatzes zur Ordnung all der verworrenen Beziehungen der menschlichen Gemeinschaft.

Vom Jahre 1946 erhofften wir den stetigen Fortgang dieser Arbeit.. Brauchten wir wohl erst lange Zeit, um das wirkliche Ausmaß des allgemeinen Zusammenbruchs unseres Volks- und Wirtschaftslebens zu erkennen und erschrecken nun vor dem doch leider recht langsamen Tempo, in dem die Gesundung vor sich geht.

Im Rahmen unseres engeren Arbeitsgebietes ist durch den zunehmenden Ausbau der Wirtschaftsverwaltung in der sowjetischen Besatzungszone viel neues Recht geschaffen worden, weit mehr vielleicht, als uns lieb ist. Auch wir spüren deutlich das fremde Gepräge dieser von einer ausländischen Macht uns auferlegten Bestimmungen. Immerhin wollen wir nicht vergessen, dass selbst eine fremde und unseren Volksbedürfnissen wenig angemessene Rechtsordnung besser ist als Willkür und Chaos. Es ist heute soviel von der Schuld unseres Volkes die Rede, dass man auch einmal wieder diese phantastische in zäher, unermüdlicher Arbeit bewältigte Arbeitsleistung herausstellen sollte. Einmal sind aber auch die stärksten Reserven aufgebraucht. Wenn diese Reserven an wertvollem Wirtschaftsmaterial, das zum Wiederaufbau unserer Wirtschaft dringend benötigt würde, dann obendrein unserem Wirtschaftskörper zu Reparationsleistungen entzogen werden, dann wird man sich nicht wundern können, wenn der Wirtschaftsaustausch selbst in den dringendsten Bedarfsgütern noch immer nicht in Gang kommen will und sich überall bedrohliche

Lähmungserscheinungen bemerkbar machen..

Das durch die sowjetische Militäradministration geschaffene Wirtschaftssystem, durch das wir gezwungen sind, den größten Teil der durch uns umgesetzten Ware über Lager zu nehmen, hat uns vor eine solche Fülle von Aufgaben gestellt, dass damit die Kapazität unseres Betriebes vollauf ausgelastet erscheint... Die große Frage ist die der Produktion und des Austausches lebenswichtiger Bedarfsgüter, ohne die ein wirklicher Wiederaufbau unmöglich ist. Auch für uns wird es von der Lösung dieser Frage abhängen, ob wir durch Beschaffung von Kraftfahrzeugen wieder mehr Beweglichkeit gewinnen, durch den Bau eines Geschäftshauses unsere büromäßigen Arbeitsmöglichkeiten verbessern können oder, um nur ganz bescheidene Anforderungen zu nennen, die nötigen Ersatzteile heran bekommen, um unsere Maschinen, z.B. Unsere Siloanlage in Derenburg überhaupt weiter laufen lassen zu können.

Mein verstorbener Bruder hat das Wort geprägt "Allem voran der Betrieb" Wir müssen uns stets klar darüber sein, dass von dem Gedeihen unseres Betriebes auch unser persönliches Leben abhängt, das Leben von 50 Familien, die durch diesen Betrieb ihre Existenz finden.."

Anfang der 50 er Jahre war klar, dass der Betrieb die Familien der Eigentümer nicht mehr ernähren konnte. Kurt Klamroth ging wieder in die Kirchenverwaltung und sezte eine Laufbahn fort,die er schon einmal als junger Jurist angefangen hatte.

Kurt Klamroth (der jüngere) wurde dann Richter am Verwaltungsgericht in Berlin, wo er es in wenigen Jahren bis zum Bundesrichter brachte, bevor er 1961 starb. Seine Nachkriegsfreundschaft aber mit dem Halberstädter und später sehr erfolgreichen Karlsruher Unternehmer Heinrich Heine, die beiden Ehepaaren die tristen Zeiten im fast völlig zerstörten Halberstadt durch eine unglaubliche musische Kreativität vergoldeten, blieb unvergessen.

Else Klamroth, die Witwe Hans-Georg Klamroth´s ging im diplomatischen Dienst der

Bundesrepublik Deutschland nach Dänemark. Die Firma wurde durch die Prokuristen Lodahl und Stolze geführt und hielt sich durch List und gekonntes Improvisieren bis zu dem berüchtigten Ministerratsbeschluß der DDR 1972, der den meisten Betrieben im dezimierten Handel und Gewerbe der DDR, die noch nicht verstaatlicht waren, den Garaus machte.

Klaus Klamroth, Alleininhaber durch testamentarische Verfügung seines Großvaters Kurt Klamroth nach dem Tode seines Vaters, konnte außer Anteilnahme und Ansprechpartner zu sein, das Schicksal der Firma J.G.Klamroth nicht mehr beeinflussen. Er hatte sich 1952 aus einer Maschinenschlosserlehre bei dem heutigen Halberstädter Machinenbau wie ein Jahr später die ganze Familie "in den Westen" absetzen müssen, nachdem sein Bruder zusammen mit Klassenkameraden anlässlich ihrer Abiturfeier die Russischbücher auf dem Tennisplatz

des Klamroth`schen Hauses verbrannt hatten.

Nach dem Tode von Gertrud und Kurt Klamroth, den Erbauern und Bewohnern des Hauses

Muthesius-Hauses am damaligen Bismarckplatz wurde bald der Entschluss gefasst, dieses große Haus wirtschaftlich zu nutzen, um es überhaupt erhalten zu können. Das Haus wurde aus dem Betriebsvermögen ausgegliedert und überdauerte recht und schlecht als "weißes Roß" die von zunehmender Verwahrlosung gekennzeichneten Jahre des realen Sozialismus. Nach 1990 wurde es zum Parkhotel unter den Linden und erinnert als offizielles Denkmal des Landes Sachsen-Anhalt an die vergangene Geschichte des Klamroth´schen Landwarenhandels in Halberstadt. Diese nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, schulde ich meinem Großvater Kurt Klamroth