Sinnloser Krieg, Teil 2: 1919 - 1945

Zwischenbemerkung des Herausgebers

Kurt Klamroth und seine Frau Gertrud waren natürlich in Sorge um ihren ältesten Sohn Hans- Georg gewesen, der mit den 1. Dragonern auf dem östlichen Kriegsschauplatze war, und mein Großvater drückt das auch an einer Stelle in seinem Kriegstagebuch aus. „Zum Glück erwies sich seine bei dem Vormarsch auf Riga erhaltene Verwundung - Schulterschuß- als leicht und auch sonst kam er trotz mancher schwerer Erlebnisse glimpflich davon und im Frühjahr 1919

gesund nach Hause zurück."

Man sollte meinen, daß die Familie Klamroth Zeit genug gehabt hatte, über das erlebte und die eigene Rolle dabei nachzudenken. Wofür wäre denn Hans-Georg gestorben, wenn die Kugel nicht in die Schulter sondern etwas höher mittig

getroffen hätte? Wofür diese ungeheure Anstrengung des Alten und seiner Pferde?

Das deutsche Volk erlitt das "Wehe den Besiegten", wie die Römer vor 2000 Jahren sagten, wenn sie gesiegt hatten, mit Armut, Inflation und Arbeitslosigkeit. Aber schlimmer als dies nagte die Schmach der Niederlage und die Friedensbedingungen der Sieger.

Winston Churchill, Premierminister des vereinigten Königsreichs von England, Schottland und Wales, und Literaturpreisträger, beschreibt die Befindlichkeit der Gegner Deutschlands: „Nach dem Ende des ersten Weltkrieges bestand die tiefe Überzeugung und die fast allgemeine Hoffnung, daß auf der Welt Friede herrschen werde... Die Redewendung vom Krieg, der dem Krieg ein Ende machen soll, war auf aller Lippen.. Die durch ihre Leiden und durch den Einfluß von Massenpropaganda erregten Völker standen zu Millionen im Kreis und forderten , daß eine Wiedergutmachung in vollem Ausmaß verlangt werde...Die Kaiserreden über die „gepanzerte Faust" und „schimmernde Wehr" mochten in England und Amerika

Belustigung hervorgerufen haben. Für die Gemüter der Franzosen aber klangen sie wie Sturmzeichen von furchtbarster Wirklichkeit. Fast fünfzig Jahre lang hatten sie im Entsetzen vor den deutschen gelebt...Fast anderthalb Millionen Franzosen waren bei der Verteidigung ihres Landes gegen den Eindringling umgekommen. Fünfmal innerhalb von hundert Jahren, 1814, 1815, 1870, 1914 und 1918 hatten

die Türme von Notre-Dame das Mündungsfeuer preußischer Geschütze gesehen und ihren Donner vernommen...Mit einem einzigen leidenschaftlichen Aufschrei rief das französische Volk „Nie wieder Krieg!" .. Als (ihr) Marschall Foch von der Unterzeichnung des Friedensvertrages von Versailles hörte, bemerkte er mit eigentümlicher Treffsicherheit: „das ist kein Friede. Das ist ein Waffenstillstand für zwanzig Jahre."

Thomas Mann schreibt in dieser Zeit und in der Mitte seines Lebens als anerkannter deutscher Dichter und Denker seine „Betrachtungen eines Unpolitischen". Da steht zu lesen: "...Die Hermannsschlacht, die Kämpfe gegen den römischen Papst, Wittenberg, 1813, 1870, - das alles war nur ein Kinderspiel im Vergleich mit dem fürchterlichen, halsbrecherischen und im großartigsten Sinne unvernünftigen Kampf gegen die Weltentente der Zivilisation, den Deutschland mit einem wahrhaft germanischen Gehorsam gegen sein Schicksal ... auf sich genommen hat..."

"Ich bekenne tief überzeugt, daß das deutsche Volk die politische Demokratie niemals wird lieben können, aus dem einfachen Grunde, weil es die Politik selbst nicht lieben kann, und daß der vielverschrieene „Obrigkeitsstaat" die dem deutschen Volke angemessene, zukömmliche und von ihm im Grunde gewollte Staatsform ist und bleibt. Dieser Überzeugung Ausdruck zu geben, dazu gehört heute ein gewisser Mut."

Den letzten Satz dieses Abschitts darf man getrost als "fishing for compliments" bezeichnen. Und Thomas Mann hat 25 Jahre später ganz anders geschrieben, geredet und zweifellos auch gedacht. Aber meinen Vater und seine Generation haben diese und auch die folgenden Ansichten geprägt:

"Ich lasse es mir nicht nehmen, daß aller deutscher Patriotismus in diesem Kriege ..seinem Wesen nach instinktive, eingeborene, oft erst nachträglich reflektierte Parteinahme für das Protestantentum war und ist."

"Politische Meinungen sind Willensmeinungen ...und da es sich hier.. um ein „politisches Bekenntnis" handelt, so sage ich denn, was ich politisch will - und namentlich, was ich nicht will. ...Ich will nicht Politik. Ich will Sachlichkeit, Ordnung und Anstand. Wenn das philisterhaft ist, so will ich ein Philister sein. Wenn es deutsch ist, so will ich denn in Gottes Namen ein Deutscher heißen...."

"..Sind die Greuel des Krieges haarsträubend- nun mir sträubten sich einmal die Haare, als in sechsunddreißig Stunden ein Mensch geboren wurde. Das war nicht menschlich, es war höllisch, und solange es das gibt, darf es meinetwegen auch Krieg geben..."

Nein! Nein, verehrtes Denkmal Thomas Mann. Es darf nicht Krieg geben, nur weil das Leben an sich schon genügend Grausamkeiten bereithält. Als der große Dichter den zweiten Weltkrieg auch noch erleben mußte, widerrief er in seiner Rede aus Anlaß seines 75.Geburtstages. Aber die Verführten und die Millionen von Toten konnte er nicht zurückrufen. Seine Leser in der sogenannten Weimarer Republik - und das waren sicher nicht die „Linken"- wurden von ihm und anderen intellektuell betäubt. Diese männerbündische Gesellschaft, unverändert fasziniert von Wehr und Waffen war seit den Zeiten der preußischen Soldatenkönige besessen von der Manie, daß der rechte Mann sich erst im Kampf um Tod und Leben zeige. Hindenburg hatte wieder besseres Wissen noch die „Dolchstoßlegende" darauf gesetzt. Er schreibt in seinen Erinnerungen „Wir waren am Ende! Wie Siegfried unter dem hinterlistigen Speerwurf des grimmen Hagen, so stürzte unsere ermattete Front; vergebens

hatte sie versucht, aus dem versiegenden Quell der heimatlichen Kraft neues Leben zu trinken."

In dieser Situation, die vielen in Deutschland als ausweglos erscheinen mußte, wirtschaftlich am Boden, von den Siegern gedemütigt, des ergebnislosen Streitens der Parteien überdrüssig konnten Hitler, Göbbels, Göring und ihre Helfer ohne nennenswerte bürgerliche Gegenwehr Fuß fassen. Kein Wunder, daß in Halberstadt wie in allen anderen Städten Deutschlands schon 1930 die Fahnen mit dem Hakenkreuz wehten. Mein Vater machte begeistert mit, mein Großvater schaute zu. Es lag weit unter der Würde von Kommerzienräten, je wieder in eine Partei einzutreten. Mein Onkel Hans-Georg Klamroth als Juniorchef kümmerte sich um den Reichsnährstand. Früh schon hatten sich die Nationalsozialisten vorgenommen, es in Kriegszeiten nicht wieder zu Problemen in der Versorgung der Bevölkerung kommen zu lassen. Das ist ihnen auch tatsächlich weitgehend gelungen, denn im zweiten Weltkrieg mit seinen noch weit schlimmeren Zerstörungen kam es zu keinem Steckrübenwinter wie 1917, in dem es für Frauen und Kinder in Deutschland fast nichts anderes mehr zu essen gab. Wer dem Reichsnährstand angehörte, war privilegiert unter den Bauern und Landwirten, also gab es bald niemanden unter ihnen und unter denen mehr, die Ihnen ihre Produkte abnahmen, der nicht als Gegenleistung der Nationalsozialistischen Partei angehörte. Hinterher wollte natürlich keiner Nazi gewesen sein. Fast alle wurden aber zu Volksgenossen, die dem Führer Adolf Hitler ins Verderben folgten.

Hans-Georg Klamroth durchlief nach dem ersten Weltkrieg eine ähnliche Kaufmannslehrzeit wie sein Vater, mit wachsender Ungeduld allerdings, bis auch er mit 25 Jahren Teilhaber der Firma J.G. Klamroth wurde. Im Jahre 1939 war es trotz aller schlimmen Erfahrungen dann wieder Ehrensache für ihn, wie sein Vater 25 Jahre vorher als Reserve-Offizier erneut „zur Fahne" zu eilen. Sein jüngerer Bruder, mein Vater Kurt Klamroth ("der jüngere"), studierte Jura und promovierte 1927. 1934 ging er in den Staatsdienst und wurde Oberregierungsrat am Kultusministerium. 1939 sah ich ihn als sechsjähriger, wie er für 6 Wochen zum Schützendienst verpflichtet in den Polenfeldzug abreiste und mir aus dem vorbeifahrenden Zug eine Tüte Bonbons zuwarf.

Wie kam es nach nur 21 Jahren zum zweiten Weltkrieg?

Ich will auf die politischen Entwicklungen bis zur Machtergreifung Hitlers nicht eingehen und die Mittel, die er skrupellos anwendete, um Deutschland zu einer noch effizienteren Kriegsmaschine zu machen, als sie vor dem ersten Weltkrieg bereits war. Es lohnt sich darüber bei Sebastian Haffner und Joachim Fest nachzulesen. Es kann auch nicht schaden, mal in die Erinnerungen Albert Speers zu sehen, der der „Groener" des zweiten Weltkriegs wurde.

Die Chronologie der Ereignisse bis zum Ausbruch des Krieges am 1. September 1939 mit dem Hitlerwort: „Seit 4:45 Uhr wird zurückgeschossen" muß an dieser Stelle genügen. Ich halte mich dabei wieder an Winston Churchill und sein Buch „Der zweite Weltkrieg", ergänzt durch die „Chronik des 20. Jahrhunderts."

Franz von Papen und der General von Schleicher hatten Deutschland bisher mit Klugkeit und Intrigen zu lenken gesucht. Jetzt suchte Schleicher im Kampf um die Macht die Unterstützung der Nationalsozialisten, die es im Reichstag auf

Grund der Trommelei von Göbbels zu 230 Sitzen gebracht hatten. Im August 1932 empfing der alte Feldmarschall und Reichspräsident von Hindenburg Adolf Hitler und hatte keinen guten Eindruck. „Der als Reichskanzler? Ich will ihn zum Postminister machen, dann kann der die Marken mit meinem Bild ablecken."

Montag, 30. Januar 1933, Chronik des 20. Jahrhunderts

Reichspräsident Paul von Hindenburg beruft Adolf Hitler zum Reichskanzler. Neben Hitler gehören dem Kabinett mit Wilhelm Frick (Inneres) und Hermann Göring (ohne Geschäftsbereich) zwei weitere NSDAP-Mitglieder an.

Am 21. März 1933 eröffnet Hitler in der Potsdamer Garnisonkirche den ersten Reichstag des dritten Reiches. Im Schiff der Kirche saßen die Vertreter der Reichswehr, des Symbols der ununterbrochenen Dauer deutscher Macht, und die hohen SA- und SS-Führer, die neuen Gestalten des sich wieder erhebenden Deutschland. Am 24. März bewilligte die Mehrheit des Reichstages mit 441 gegen 94 Stimmen dem Reichskanzler Hitler umfassende Notstandsvollmachten auf vier Jahre. Als das Abstimmungsresultat bekanntgegeben wurde, rief Hitler zu den Bänken der Sozialisten hinüber: „Jetzt brauche ich sie nicht mehr!"

Die Angliederung Österreichs an Deutschland war eines von Hitlers Lieblingszielen. Auf der ersten Seite in „Mein Kampf" steht der Satz: „Deutsch-Österreich muß wieder zurück zum großen deutschen Mutterlande". Christian Graf von Krockow schreibt in „Die Deutschen in Ihrem Jahrhundert, 1890 bis 1990": "In den Landsberger Monaten (seiner Festungshaft) schreibt Hitler mit Hilfe von Rudolf Heß an seinem Buch „Mein Kampf". Es teilte mit dem Autor das Schicksal, kaum ernstgenommen zu werden. Sein schwülstig schlechtes Deutsch, seine primitive Rassenlehre und sein wüster Antisemitismus schreckten ab; es handelte sich

um den „ungelesensten Bestseller" der Weltliteratur. Dabei gilt: Selten oder vielleicht tatsächlich nie in der Geschichte hat ein Herrscher, ehe er zur Macht kam, so genau wie Adolf Hitler entworfen, was er danach tat."

Samstag, 7. März 1936, Chronik des 20. Jahrhunderts

Seit dem frühen Morgen rücken deutsche Truppen in die aufgrund des Versailler Vertrages von 1919 und des Locarno-Vertrages von 1925 entmilitarisierte Zone des Rheinlands ein.

Samstag 12. März 1938, Chronik des 20. Jahrhunderts

In den Morgenstunden rücken deutsche Truppen „ angeblich aufgrund einer Bitte der provisorischen österreichischen Regierung" ohne auf Widerstand zu stoßen nach Österreich ein. Auf einer Großkundgebung am Abend in Linz kündigt Führer und Reichskanzler Adolf Hitler an, „den Millionen Deutschen in Österreich die Hilfe des Reiches zur Verfügung zu stellen".

Donnerstag, 15. September 1938, Chronik des 20. Jahrhunderts

Großbritanniens Premierminister Neville Chamberlain trifft zu einem ersten Gespräch mit Führer und Reichskanzler Adolf Hitler in München ein. In Berchtesgaden konferieren beide rund zweieinhalb Stunden über die Lösung der Sudetenfrage.

Konrad Henlein, der Führer der Sudetendeutschen Partei (SdP), ruft über den Wiener Rundfunk zum Anschluß des Sudetenlands an das Deutsche Reich auf.

Mittwoch, 28. September 1938, Chronik des 20. Jahrhunderts

Führer und Reichskanzler Adolf Hitler stoppt die Angriffsvorbereitungen gegen die Tschechoslowakei und lädt Frankreich, Italien und Großbritannien zu einer Konferenz über die Sudetenfrage nach München ein.

Freitag, 30. September 1938, Chronik des 20. Jahrhunderts 1938,

Um 0.30 Uhr wird das Münchner Abkommen über die Abtretung des

Sudetenlandes an das Deutsche Reich unterzeichnet.

Die tschechoslowakische Regierung erklärt ihre Zustimmung zum Münchener Abkommen und richtet gleichzeitig einen Protest an die Welt gegen den Beschluß, der einseitig ohne ihre Teilnahme gefaßt wurde.

Churchill schreibt: schließlich muß man sich die ungeheuerliche Tatsache vor Augen halten, daß Hitler in dem einen Jahr 1938 6.750.000 Österreicher und 3.500.000 Sudetendeutsche dem deutschen Reich einverleibt und unter seine absolute Herrschaft gezwungen hatte, im Ganzen mehr als zehn Millionen Untertanen, Werktätige und Soldaten. Die gefürchtete Waage des Schicksals hatte sich in der Tat auf seine Seite gesenkt.

Donnerstag 31. August 1939, Chronik des 20. Jahrhunderts

Um 12.40 Uhr befiehlt Adolf Hitler den Angriff auf Polen für den 1. September um 4.45 Uhr.

Der Oberste Sowjet ratifiziert den Nichtangriffspakt mit dem Deutschen Reich. Um 20 Uhr wird der Sender Gleiwitz von Männern des Sicherheitsdienstes in polnischen Uniformen überfallen.

Sonntag, 31. Januar 1943, Chronik des 20. Jahrhunderts 1938

Die Südgruppe der bei Stalingrad (Wolgograd) eingeschlossenen 6. deutschen Armee kapituliert.

Dienstag, 2. Februar 1943

Die Nordgruppe der bei Stalingrad (Wolgograd) eingeschlossenen 6. deutschen Armee kapituliert.

Donnerstag, 20. Juli 1944, Chronik des 20. Jahrhunderts

Claus Graf Schenk von Stauffenberg verübt im Hauptquartier "Wolfsschanze" ein Bombenattentat auf den deutschen Führer und Reichskanzler Adolf Hitler. Mehrere Personen werden getötet, Hitler wird nur leicht verletzt.

Hans-Georg wurde nach dem 20. Juli 1944 Todesopfer der Hitlerdiktatur, wie sie dann viel zu spät beim Namen genannt wurde, während mein Vater Kurt Klamroth in Sippenhaft in das Strafbatallion Dirlewanger gesteckt und an die Ostfront geschickt wurde. Beiden war zum Verhängnis geworden, daß Oberstleutnant Bernhard Klamroth, ein entfernter Verwandter und Schwiegersohn Hans-Georgs, vor dem Attentat in einem Routine-Revirement Nachfolger von Oberst von Stauffenberg in dessen Wehrmachtseinheit geworden war. Das war eine Einheit der deutschen Wehrmacht, in der man Zugang zu Sprengstoffen hatte. Bernhard und meinen

Onkel Hans-Georg Klamroth ließ der „Volksgerichtshof" in Berlin-Plötzensee hinrichten.

Über Dirlewangers gefürchtete Bewährungseinheit, in die mein Vater geraten war, heißt es am 30. Mai 1947 im Berliner Telegraf:

Im Jahr 1940 wurden auf Befehl Himmlers alle wegen Wilddieberei bestraften Männer zu einer Sondereinheit zusammengefaßt, an deren Spitze der damalige SS-Hauptsturmführer Dirlewanger trat, selbst ein Vorbestrafter, der sich im spanischen Bürgerkrieg seine Rehabilitierung geholt haben soll. Die Kompanie Dirlewanger wurde in Rußland zunächst zur Bandenbekämpfung verwendet und später zur Sturmbrigade ausgebaut. Da die ungeheuerlichen Verluste, die sie fortwährend erlitt, durch Wildschützen allein nicht ersetzt werden konnten, wurde die „Bewährungseinheit" immer wieder mit kriminellen, später auch politischen Häftlingen aus den Zuchthäusern und Konzentrationslagern aufgefüllt. Immer von neuem trieb man sie in das schlimmste Feuer, denn solange es noch Hunderttausende, ja Millionen von Menschen in den Kerkern des „Dritten Reiches" gab, brauchte man um Nachschub nicht besorgt zu sein. Während die Einheit Dirlewanger sich am Anfang fast nur aus Berufs- und Gewohnheitsverbrechern zusammensetzte, die zu Raub, Mord und jeder anderen Schandtat bereit waren und mit denen zusammenzuleben für jeden Anständigen die härteste Strafe bedeutete, strömten besonders im Jahre 1944 auch wertvolle Menschen in sie ein. Es waren neben den nicht hingerichteten Teilnehmern an der Verschwörung vom 20. Juli hauptsächlich die von den Kriegsgerichten wegen politischer Delikte Verurteilten sowie politische KZ-Häftlinge, die man als letztes Kanonenfutter noch an die Front holte. Nachdem sie wiederholt fast bis auf den letzten Mann aufgerieben und mit „Soldaten zweiter Klasse" wieder aufgefüllt worden war, dürfte die Masse der Einheit Dirlewanger im Raum von Luckenwalde in einen russischen Kessel geraten und gefangen worden sein.

Ich kann mir meines Vaters ambivalente Erwähnung des Namens Dirlewanger, einer Einheit, in die er doch strafversetzt war, nur so erklären, daß er seinem Naturell folgte, aus allem, aber auch allem, das Beste machen zu wollen und sich in seinem Weltbild die Herabsetzung einer deutschen militärischen Einheit verbot. Mein Vater verdeutlichte im Juli 1954 in einem Schreiben an einen Anwalt sein Schicksal nach dem Attentat auf Hitler und der Hinrichtung seines Bruders:

„Die Strafeinheit Dirlewanger war, wie bei den deutschen Wiedergutmachungsbehörden allgemein bekannt ist, eine der berüchtigsten Einheiten dieser Art. Dieser Abteilung wurden nur solche Personen zugewiesen, die man aus irgendeinem Grunde liquidieren, das heißt physisch vernichten wollte. Sie bestand zu 90 % aus KZ-Insassen. Diese waren dort einer strengen Zucht unterworfen und unterstanden der unumschränkten persönlichen Strafgewalt Dirlewangers. Es ist bekannt, dass Dirlewanger in den letzten Monaten des Krieges in geradezu sadistischer Weise Todesurteile verhängte. Zum Zwecke der sogenannten „Bewährung" wurden die Männer meist in besonders gefahrvollen Stellungen eingesetzt, die man als „Himmelfahrtskommandos" bezeichnete. Ich selbst war zunächst der 8. Kompanie des zweiten Regiments als Granatwerfer zugewiesen. Da ich den dort verlangten Aufgaben körperlich nicht gewachsen war und einen Zusammenbruch mit einer schweren Herzattacke erlitt, wurde ich später als Schreiber verwandt, unterlag aber trotzdem den ganzen seelischen und körperlichen Strapazen der ständig zu Sondereinsätzen im Partisanenkampf hin-

und hergeworfenen Truppe, denen sich sehr viele dadurch entzogen, dass sie zum Feinde überliefen. Ich selbst habe mir schließlich eine zeitlang dadurch seelische und körperliche Entlastung verschafft, dass ich mit einigen Kameraden der Truppe fern blieb, um nicht an den sinnlosen Kämpfen gegen die Freiheitskämpfer des slowakischen Volkes teilnehmen zu müssen und mich nicht an den Verbrechen zu beteiligen, zu denen die Truppe unter dem Befehl der SS gezwungen war. Wir mussten dann schließlich zur Truppe zurückkehren und kamen einige Zeit später an die Oder-Neiße-Front. Ein Schreiber, mit dem ich zusammen war, wurde zum Tode verurteilt und erschossen, weil er sich weigerte, einen Befehl auszuführen. Ich selbst schützte Krankheit vor, um an der Exekution nicht teilnehmen zu müssen. Trotzdem ich nur als Schreiber eingesetzt war, befand ich mich ständig in schwerer Gefahr, weil ich auch bei schwerem Beschuss Meldegänge machen musste. Auch wurde von der Führung ständig darauf gedrückt, dass auch wir Schreiber „Bewährungsauftäge" erhielten, mit anderen Worten, dass wir als politische missliebige Personen beseitigt wurden. Mit grosser Dankbarkeit darf ich heute feststellen, dass ich vor dem Ärgsten bewahrt geblieben bin. Von den körperlichen Misshandlungen, die dort an der Tagesordnung waren, bin ich nicht betroffen worden. Man kann sich jedoch vor Augen halten, dass Menschen aus geistigen Berufen, auch ohne körperlich gezüchtigt worden zu sein, unter den Umständen, die in dieser Formation herrschten, besonders schwer zu leiden hatten. Es war für uns, die wir noch bestimmte Vorstellungen von der Würde des Menschen in uns trugen, fast noch unerträglicher, an solchen Exekutionen teilnehmen zu müssen, wenn auch nur als passiver Zuschauer, als sie selbst zu erdulden. Wir haben uns oft auf die Zunge beißen müssen, um das schreiende Unrecht, was dort am Menschen geschah, laut hinauszurufen. Vielleicht war vieles davon sogar darauf angelegt, um uns auf diese Weise selbst der Vernichtung preiszugeben."

Mein Vater kam am 31. Januar 1904 als drittes Kind von Gertrud und Kurt Klamroth in Halberstadt auf die Welt. Früh schon zeigte der häufig kränkelnde Junge seine Neigung und Begabung zur Musik. Onkel Top, wie ihn seine zahlreichen Nichten und Neffen gerne nannten, versuchte wohl zeit seines Lebens, sich mit seiner Umgebung und der Welt harmonisch in Einklang zu bringen, musikalisch empfunden in Akkorden und poetisch gesehen in Versen, die er bald meisterhaft fast aus dem Ärmel zu schütteln verstand.

Er wurde Verwaltungsjurist und schließlich Richter am Bundesverwaltungsgericht

in Berlin, wo er 1961 im 57. Lebensjahr starb.

Samstag, 28. April 1945, Chronik des 20. Jahrhunderts

US-amerikanische Truppen befreien die letzten Insassen des Konzentrationslagers Dachau bei München.

Die deutsche 12. Armee unter Befehl von General Walter Wenck muß ihren Entsatzangriff auf Berlin in der Nähe von Ferch bei Potsdam abbrechen.

Führer und Reichskanzler Adolf Hitler setzt in der Nacht zum 29. April im Bunker unter der Reichskanzlei in Berlin sein Testament auf. Er bestimmt Großadmiral Karl Dönitz zu seinem Nachfolger im Amt des Reichspräsidenten.

Dr. Kurt Klamroth:

Vom roten zum weißen Stern. Meine Heimkehr nach dem deutschen Zusammenbruch im Mai 1945

Eine Försterei im Spreewald. Vor dem Gehöft drängen sich Trosswagen aller Art und werden von der Feldgendarmerie nach den Seiten zu abgeleitet, wo sie im Walde oder am Rand der Waldstraße Aufstellung nehmen. hinter dem Hause halten die Kraftfahrzeuge des Regimentsstabes der Waffen-Grenadier -Division der SS. Eine besondere Spannung liegt in der Luft. Man fühlt, es muss nun endlich zum Klappen kommen. So wie in den letzten Tagen kann es auf die Dauer nicht weiter gehen.

Oberscharführer Cremer, der Ib des Regiments, dem ich seit Mitte März zugeteilt war, hatte mich beauftragt, mit dem Gefechtsstand Fühlung zu halten. Er selbst hielt sich bei unseren drei Wagen auf, dem Wagen des Waffenmeisters, einem Munitionswagen der Fahrschwadron und dem Wagen mit unserem Gerät und Gepäck, der zu allem Überfluss noch bis oben hin mit Munition bepackt war. Die Wagen standen etwa 500 m

weiter in Fahrtrichtung am Waldrand aufgefahren. Dass es am gleichen Abend noch weitergehen, ja vielleicht der entscheidende Durchbruch versucht werden würde, war uns allen klar. Wichtig war für uns, möglichst bald etwas Näheres über die Marschroute und die Abmarschzeit zu erfahren. Von den auf dem Gehöft herumstehenden Schreiber, Meldern, dem Gasschutzoffizier und dem Stellungsbauoffizier war aber nichts herauszubringen. Im Grunde hatte wohl keiner von den Angehörigen des Regiments, vielleicht nicht einmal der Regimentskommandeur, Sturmbannführer Ehlers und sein kleiner Ia, der SS-Grenadier Knappe, den wir seiner Jugendlichkeit halber den „Pimpf" nannten, eine genaue Vorstellung der Lage. Seitdem es dem Iwan gelungen war, in unseren

rechten und linken Nachbarabschnitten die Neissefront einzudrücken, hatten

wir uns unter ständigem Druck immer weiter nach Westen absetzen müssen. Die Tage von Weissagk und Mulknitz, in den wir 5-7 km hinter Forst ein verhältnismäßig ruhiges Dasein führten, gehörten längst der Vergangenheit an. Tagtäglich oder vielmehr allnächtlich war seit dem der Regimentsgefechtsstand nach Westen oder Nordwesten verlegt worden. Stationen wie Klein-Bohrau, Bärenbruck, Neuendorf, die wir meist unter dem Beschuss der Russen im mehr oder minder letzten Augenblick verließen, waren in teils angenehmer teils weniger angenehmer Erinnerung. Die Erinnerung an Bärenbruck schmerzte unseren guten Fahrer Pfeil noch immer. ,,Was hätte man da nicht noch alles herausholen können! 40 schöne Einmachgläser mit Kompott standen im Keller - und nun hat den größten Teil der Iwan! Und die gute Milch von den beiden Kühen!" „Und wie gut war es doch, dass wir rechtzeitig aus dem Quartier rausmussten!", pflegte dazu der kleine Sarbach zu sagen, der stets auf seine Sicherheit bedacht war und über den wir oft lachten, wenn er beim Heranheulen einer Granate unwillkürlich den Kopf einzog oder einen Seitensprung machte, obwohl die Granate, wenn sie ihn hätte treffen sollen, sicherlich viel fixer gewesen wäre als alle seine Seitensprünge. Als dann der Russe seinen Angriff auf das Dorf machte, sauste ein Volltreffer mitten in die Küche hinein, wo wir vorher unseren Pudding kochten. Als wir nach der Wiedereinnahme des Dorfes zurückkamen, war alles kurz und klein gehauen. „Da hätte kein Seitensprung mehr etwas genutzt", war Pfeils gutmütig spottende Feststellung. Das alles lag aber nun schon wieder mehrere Tage zurück. Ein weit unangenehmeres Gefühl beschlich uns noch, wenn wir an die kitzlige Lage im Vorwerk Leibach hinter Lübbenau zurückdachten, wo wir in dem kleinen Wäldchen hinter dem

zerschossenen Dorf stundenlang im schweren Granatwerferfeuer mit unseren Troßwagen aushalten mussten, während rechts und links die Grenadiere aus der HKL sich bereits nach rückwärts absetzten, bis endlich der Befehl kam, ebenfalls in eines der nächsten Wäldchen zurückzugehen. Das war der richtige „Spuk von Lübbenau". Seitdem waren wir eigentlich nie mehr so recht zur Ruhe gekommen. Die Pferde wurden überhaupt nicht mehr ausgespannt. Nach wenigen Stunden ging es bereits weiter, meist freilich erst dann, wenn der Beschuss zu arg wurde und die MG-Garben des Iwan bereits in das zu kurzem Versteck uns schützende Blätterdach spritzten. Es war uns klar, dass der Iwan alles daran setzen würde, die sich von der Neissefront absetzenden Divisionen abzufangen, ehe es ihnen gelang, sich mit dem angeblich vom Berliner Ring nach Osten zum Entsatz vorstossenden Truppen zu vereinigen. Würde es uns gelingen, heil aus dem sich schliessenden oder bereits geschlossenen Kessel herauszukommen?

In der langsam hereinbrechenden Dämmerung kommen der Kommandeur des uns unterstellten 467.Grenadier-Ausbildungs-Btl. und zwei mir nicht bekannte Offiziere auf den Hof. Der „Pimpf" , der gerade aus der Försterei herauskommt, geht ihnen entgegen. Ich dränge mich heran, um aus dem Gespräch meine Neugier zu stillen und Cremer unterrichten zu können. „Der Kessel soll bei der Autobahn hinter Halbe bereits geschlossen sein", nimmt einer der Offiziere das Wort. „Die 342.ID soll versucht haben, nordwestlich über Hammer durchzukommen, ist aber ebenfalls steckengeblieben". "Unsinn", meint der Pimpf. „Das interessiert mich nicht im geringsten. Wir haben soeben den klaren Befehl erhalten, über Birkholz, Märkisch -Buchholz, Halbe nach Teupitz zu marschieren. Von Westen her haben bereits drei Divisionen die Linie Baruth-Zossen und mit Spitzen Teupitz erreicht. Wir werden uns morgen mit diesen Truppen vereinigen". Die anderen wiegen zweifelnd den Kopf, wagen es aber nicht gegen die mit gewohnter Entschiedenheit und Selbstsicherheit vorgebrachte Äußerung des kleinen Knappe etwas einzuwenden. Befehl ist Befehl. Die höhere Führung wird schon wissen, was sie zu tun hat. „Märkisch-Buchholz ist teilweise vom Feind besetzt ", fügt Knappe noch hinzu. „Die Brücke über den Kanal ist zerstört. Etwa einen km nördlich befindet sich eine Notbrücke. Über die müssen wir hinüber. In einer Stunde marschieren wir ab. " Nun weiß ich genug. Im gleichen Moment kommt auch Oberscharführer Cremer auf den Hof, den seine Unruhe doch nicht bei den Wagen gelassen hat. Ich verständige ihn rasch und wir beide gehen in das Haus, um zu sehen, ob wir nicht irgend etwas zu essen bekommen. Wir haben Glück, denn eine Flüchtlingsfrau, die schon seit Tagen zusammen mit dem Putzer Max um das leibliche Wohl des Regimentsstabes bemüht ist, verteilt gerade kleine Schnittchen Schweinekotelett, die von einem irgendwo ergatterten Schweine stammen. Es sollte für längere Zeit der letzte warme Happen sein. Bald nach 21 h geht es los. Unsere Wagen stehen gut in Fahrtrichtung an der Straße. Die Pferde haben sich etwas ausgeruht und ziehen kräftig durch den Sand. Trotzdem sollten wir nicht weit kommen. Nach knapp 2 km versucht uns eine Lkw-Kolonne zu überholen. Die ersten Wagen kommen glatt vorbei. Der letzte Wagen trifft uns an einer schmalen Wegstelle. Wir wollen dennoch ausbiegen und stehen schräg auf dem Weg. Da fasst uns der Lkw von hinten und schiebt den Wagen, der sich quer in den Weg stellt, rücksichtslos vor sich her. Ein Krachen und Knirschen in der Deichsel, der Wagen stürzt um, die schweren Munitionskisten poltern durcheinander. Erstaunlicherweise ist weder dem Fahrer Pfeil noch Cremer etwas passiert. Pfeil war rechtzeitig vom Bock gesprungen. Cremer entsteigt nach einigen Schwierigkeiten unverletzt dem Durcheinander von Kisten, Gerät und Gepäck, das nun auf der nachtdunklen Straße liegt und an dem die nachfolgenden Wagen sich mühsam vorbeischlängeln. Ich selbst war mit dem Dienstfahrrad dem Wagen gefolgt und war nur Zuschauer dieses traurigen Endes unseres bis hierher durch alle Fährnisse gut durchgebrachten Wagens . Die Pferde stehen ruhig und unversehrt vor dem umgestürzten Wagen. Als wir uns die Bescherung beschauen, kommt gerade der frühere Oberst Momm, Sieger im Olympia-Reitturnier - auch wegen des 20.Juli zur Brigade Dirlewanger versetzt - an uns vorbei. „Deichsel gebrochen! Wir werden zu Fuß aus dem Kessel rausmarschieren!" rufen wir ihm zu. „Auch mein Auto ist hin" antwortet er, „habe alle meine Sachen verloren!" Damit geht er weiter. Leider habe ich diesen vorzüglichen Mann, der gleich mir wegen des 20.Juli zu „Dirlewanger" gekommen war und mich stets in so liebenswürdiger Weise anredete, später nicht wieder gesehen. Hoffentlich ist er heil durchgekommen. Uns selbst bleibt nichts anderes übrig, als unser Sturmgepäck aus dem Trümmerhaufen unseres Wagens herauszusuchen und uns zu Fuß auf den Weg zu machen. Munition und Geräte müssen wir schweren Herzens im Stich lassen, auch alles, was sich an Privatsachen, kleinen Essvoräten usw. angesammelt hat. Die Geheimsachen und alle sonstigen Schriftstücke, die nicht in Feindeshand fallen dürfen, hatten wir schon am Tage vorher in unserem letzten Quartier verbrannt. Die Pferde werden ausgeschirrt und mitgenommen - man weiß nicht, ob man nicht noch einen Wagen findet. Auch mein Dienstrad, was uns schon einmal geklaut war, schiebe ich weiter brav durch den Sand.

Sonntag, 29. April 1945, Chronik des 20. Jahrhunderts

Französische Truppen besetzen Friedrichshafen am Bodensee.

Die in Oberitalien kämpfende deutsche Heeresgruppe C unter dem Oberbefehl von General Heinrich Gottfried von Vietinghoff kapituliert in der italienischen Stadt Caserta vor den allierten Streitkräften. Die Kapitulation tritt am 2. Mai in Kraft.

Kurz nach Sonnenaufgang liegen wir etwa 50 m neben der Straße Birkholz-Märkisch-Buchholz im Walde schräg an der Schüttung eines Deckungslochs. Links neben uns stehen die braven Pferde, dazwischen an einem Kieferstamm mein Fahrrad. Wir drei - Cremer ganz links, Pfeil in der Mitte und ich ganz rechts -liegen eng aneinander gepreßt unter einer Decke. Rechts neben uns liegt noch der kleine Sarbach, der bei dem starken Beschuß in Leibsch vorzeitig abgehauen war, den wir aber gestern auf dem Weg zufällig wieder getroffen hatten. Die Kälte hat mich aus dem kurzen Schlaf aufgestört. Unablässig ziehen mir die Bilder unserer nächtlichen Wanderung durch den Kopf: das brennende Birkholz, in dem wir die Straße nur durch die schmale Tür eines noch nicht von den Flammen erfassten Hinterhofes wieder erreichen konnten, die mit Trosswagen, Autos, Karren und Geschützen voll gepfropfte Straße, die endlos dahin strömenden Massen von Soldaten, Flüchtlingen, verängstigten Frauen und Kindern, das Fluchen und Schimpfen der durch immer wieder auftretende Verstopfungen gehinderten Marschkolonnen. Es war unsere Absicht, möglichst noch vor Tagesanbruch die Notbrücke bei Märkisch-Buchholz zu erreichen. Das Vorwärtskommen mit unseren Pferden, für die in dem Wagen-und Menschentroß nur mühsam Platz zu schaffen war, wurde jedoch immer schwieriger. Plötzlich kam uns in langem Zuge eine in Reihe marschierende Infanteriekolonne entgegen, die nach Birkholz zurückmarschierte. Warum, wusste keiner zu sagen. War die Brücke gesprengt? War die Straße so rettungslos verstopft, dass man nicht mehr durchkommen konnte? Oder drückte gar der Russe schon von vorn? Es war wohl besser, wir gönnten uns ein oder zwei Stunden Schlaf, bis sich die Lage geklärt hatte. Da jeden Augenblick der Artilleriebeschuss wieder einsetzen konnte, hatten wir uns diesen Platz etwa 50 m neben der Straße gesucht, der uns einigermaßen geschützt erschien. Aber die Morgenkühle ließ uns nicht recht zur Ruhe kommen. Trotzdem wir so eng beieinander lagen, kroch uns die Kälte langsam die Glieder hinauf. Eben erhebt sich Pfeil etwas und murmelt was von „ekelhaft kalten Füßen ", da heulte es heran und haut mit jähem Krach dicht neben uns ein. Cremer und Pfeil schreien auf, ich selber spüre einen Schlag gegen das linke Schienbein. Nur Sarbach springt unverletzt auf. Eine Granate war dicht neben den Pferden eingeschlagen, hatte mit ihren Splittern die Pferde und mein Fahrrad durchsiebt, Cremer das linke Bein zerschlagen und Pfeil schwer am Gesäß und Oberschenkel verletzt. Hätte Pfeil sich nicht gerade aufgerichtet, dann hätte ich wohl noch erheblich mehr abbekommen. Unsere braven Pferde waren sofort tot. Da weitere Einschläge ganz in der Nähe hereinhauen, zerren wir die stöhnenden Männer rasch in die nächsten Deckungslöcher. Dann läuft Sarbach - unser ängstlicher kleiner Sarbach - trotz des Feuers davon, um Hilfe zu holen. Aber kein Sanitäter ist zu erreichen. Mit unseren wenigen Verbandspäckchen legen wir kleine Notverbände an. Ein endlich vorbeikommender Arzt schüttelt den Kopf und sagt, er könne da auch nicht weiterhelfen. Zwei Stunden vergehen, bis es uns endlich gelingt, an der Straße einen Trosswagen aufzuhalten, in den wir mit großer Mühe den armen Cremer verstauen können. Humpelnd laufe ich die Straße zurück, um einen weiteren Platz für den guten Pfeil zu finden. Aber alle Wagen sind schon mit Verwundeten besetzt. Endlich kommt ein schmaler kleiner Karren, auf dem zwei unverwundete Männer sitzen. Sie haben ein kameradschaftliches Herz und helfen uns, den vom Blutverlust geschwächten und schwer mitgenommenen Pfeil darauf unterzubringen. Hinten bleibt noch ein kleines Plätzchen, wo ich mich mit meinem schmerzenden Bein hinhocken kann. Sarbach taucht im Gewimmel unter. Ich habe ihn nicht wieder gesehen.

Langsam schiebt sich unser Karren im Gedränge vorwärts. Inzwischen ist es heller Tag geworden. Jeden Augenblick müssen die Flieger kommen. Unangenehmerweise kommen wir aus dem Walde heraus. Die Straße führt über ein freies Hügelgelände, das nur wenig Schutz bietet. Aber überall haben die vor uns hier durchmarschierten Kolonnen Deckungslöcher und Deckungsgräben ausgehoben. Die meisten sind allerdings schon besetzt, denn immer noch krachen in unregelmäßigen Abständen rings um uns die Granateinschläge. Da das Feuer gut auf der Straße liegt, biegen die Wagen größtenteils in das Gelände zu beiden Seiten der Straße ein. Auch wir versuchen quer über ein freies Stück Feld abzuschneiden. Da - ein tiefes Brummen! Fliegerdeckung! Sie kommen heran! Rechts und links spritzen die Explosivgeschosse der Tiefflieger herein. Ich weiß nicht mehr, wie ich von meinem Wagen herunterkam und in einem schmalen Graben verschwand. Neben mir keucht eine ältere Flüchtlingsfrau, der ich beinahe auf den Kopf gesprungen wäre, rechts duckt sich ein Pfeife rauchender Landser. „Immer sachte, Kamerad, wenn´s Dich treffen soll, erwischt´s Dich doch! " Raus aus dem Loch, sie sind schon über uns weg! Ein paar Kilometer vor uns sehen wir ein Geschwader niedergehen und seine Bombenlast auf die HKL abladen. Dumpf dröhnen die Einschläge zu uns herüber. Ich beschließe, mich trotz aller Kameradschaft von Pfeils Wagen zu trennen und allein weiter zu humpeln. Es geht mir zu langsam. Vor der Brücke stauen sich Hunderte von Wagen. Wann sollen die jemals hinüber kommen? Der Abschied fällt mir sehr schwer. Aber ich muss aus dieser Hölle heraus. Was nützt es, wenn ich bei ihm bleibe? Ich kann ihm nicht helfen und erhöhe nur die Gefahr für mich selbst. Also vorwärts. Noch

zweimal muss ich vor heranbrausenden Tieffliegern in das nächste Deckungsloch springen und eine halbe Stunde verliere ich, weil ich wegen des andauernden Beschusses in einem Graben verweile. Dann sehe ich endlich Märkisch-Buchholz vor mir liegen. Unglücklicherweise bin ich zu lange der Straße gefolgt und zu weit südlich geraten. Die Notbrücke liegt ja ein km nördlich Märkisch-Buchholz. Kann man so über den Kanal? Mit ein paar anderen Landsern laufe ich gebückt an ein paar Häusern vorbei über einen Wiesenstreifen zum Ufer hinunter. Tak-tak-tak- von links schießen sie aus einer Stellung hinter der gesprengten Hauptbrücke mit einem M.G. herüber. Es scheint mir nicht geraten, hier über das Wasser zu gehen. Da - rechts etwa 800 m weit sehe ich die Notbrücke. Der Weg dorthin wird von Granatwerfern bepflastert. Am Ufer entlang hat der Feind Einblick.

Na, da hilft es nichts. Zähne zusammen und durch das Granatwerferfeuer durch, sonst knallen Dich noch die Scharfschützen ab. Erstaunlich, wieviel Granaten einschlagen, ohne einem etwas zu tun. Ein bisschen Staub, ein bisschen Pulvergeruch und alles ist vorbei. Am Rand eines kleinen Wäldchens haste ich entlang zur Brücke. Wenn Du die Brücke erreichst , hast Du es geschafft. Drüben wird´s ruhiger sein. Ich habe es geschafft. Ohne umzusehen laufe ich über das klappernde Holz der Notbrücke und eile atemlos den Waldweg hinter der Brücke hinauf, um aus der gefährlichen Zone herauszukommen. Da kracht und splittert es hinter mir. Ist die Brücke getroffen? Auseinandergerissen? Ich habe keine Lust zu näheren Feststellungen. Der schützende Wald umfängt mich. Zum ersten Mal gönne ich mir eine Rast und rauche eine Zigarette. Halbe soll ja noch feindfrei sein. Ich bin also durch. Leider sollte sich die Mär vom feindfreien Halbe alsbald als ein grausamer Irrtum erweisen. Der Wald zwischen Halbe und Buchholz wimmelt von Landsern, Wagen, Autos, ja selbst Panzerspähwagen und Panzern der verschiedensten Einheiten, die teils schon tagelang hier herumirrten und nicht wissen, so sie hin sollen. Es fehlt absolut an einer einheitlichen, klaren und zielbewussten Führung. Alles hat sich in kleine Gruppen und Grüppchen aufgelöst, die auf eigene Faust einen Durchbruch versuchen wollen oder es bereits aufgegeben haben und in den im Walde verstreuten Erdbunkern und Deckungslöchern herumdösen. Schwer belastend ist der Andrang von Flüchtlingsfrauen und Kindern, die jede soldatische Entschlusskraft lähmen. Ich begegne einer Frau, die mir vor wenigen Tagen die Wäsche gewaschen hat und die mir nun mit ihren vor Hunger weinenden Kindern händeringend entgegenkommt. „Was sollen wir blos machen? Helfen Sie uns doch, dass ich aus diesem grässlichen Walde herauskomme!" Wir gehen ein Stückchen zusammen bis zu einer Waldschneise, wo drei Panzer und zwei Panzerspähwagen der SS-Division „Deutschland" aufgefahren sind und rate ihr, zu dem Versuch, sich von einem Panzerspähwagen mitnehmen zu lassen. Aber die Panzermänner erklären, dass ihre Wagen bereits überfüllt seien. Was tun? Ich kann ihr nicht helfen und darf mich nicht mit ihr belasten. Sie erinnert mich an meine Frau und meine Kinder daheim, um derentwillen ich diesen Durchbruch wagen muss. Wenn ich zu ihnen zurück will, muss ich mir volle Handlungsfreiheit bewahren. Es ist schwer, hart zu sein, aber wo liegt die höhere Pflicht? Ich will gern Kamerad und Helfer sein, aber nur, solange ich im Augenblick wirklich etwas nützen kann und mir nicht den Weg versperre zu meinen Angehörigen, denen mein Leben zu allererst gehört.

Der ganze Tag vergeht mit Herumhorchen über die Pläne der verschiedenen

Grüppchen, die noch Aktivität zeigen. Wie verlautet, sollen die Panzer gegen Abend einen Durchbruch versuchen, dem Panzerkeil soll sich dann die Infanterie anschließen, die Troßwagen mit Frauen und Kindern sollen dann hinterherfahren. Ähnliches war aber am Abend vorher auch schon mal versucht. Die Panzer waren ohne große Verluste durchgekommen, dann aber hatte sich die Lücke wieder geschlossen, die Infanterie war stecken geblieben und die Troßwagen waren hoffnungslos zusammengeschossen. Aussichtsreicher erschien mir der Versuch, in kleinen Gruppen bis zu fünf Mann, nach Süden ausholend Halbe zu umgehen und dann versuchen, irgendwo durch die feindlichen Linien an der Autobahn sich durchzuschleichen. So dicht kann doch der Kessel nicht überall geschlossen sein. Auf jeden Fall beschloss ich, erst einmal etwas auszuruhen. Ich hatte aber dabei nicht mit den feindlichen Fliegern gerechnet. Die hatten natürlich herausgekriegt, dass der Wald voll Menschen und Fahrzeugen war und schossen wahllos im Tiefflug ihre Brand- und Explosivgeschosse hinein. Bald entstanden überall kleine Waldbrände.

Zwischendurch rieselten Flugblätter herab: „Gebt den nutzlosen Widerstand auf! Gebt Euch gefangen! Stalin, Churchill und Truman sind übereingekommen, die deutschen Kriegsgefangenen bestens zu behandeln."

Gegen Abend fuhren tatsächlich die Panzer und Panzerspähwagen ab. Ein Befehl zum Sammeln der Infanterie erging nicht. Woher sollte ein solcher Befehl auch kommen. Wohl aber fuhren auf der Waldstraße nach Halbe eine Unmenge Trosswagen auf. Weiß der Himmel, wo sie alle herkamen. Auf dem Wege dorthin wogte und wimmelte es wie bei einem Karneval.

Lachende Landser, Arm in Arm mit Frauen und Mädchen, standen oder gingen zwischen den Wagen umher. Dort wurde ein Trosswagen mit Konservenbüchsen geplündert. Leider waren es nur Gemüsekonserven. Aber Durst und Hunger treiben alles hinein. Auch ich ergattere eine Büchse mit grünen Bohnen, öffne sie mit dem Seitengewehr und schlürfe das kalte Zeug als Abendbrot. Etwas weiter spielt einer Akkordeon. Es fehlt nur, dass sie tanzen. Ein Totentanz. Ein grausiges Karnevalsfest. Wann kommt Aschermittwoch? Plötzlich kommt Bewegung in die Massen. Alles stürzt, schreit und rennt nach links in den Wald hinein. „Die Russen sind im Rücken durchgebrochen. Vorwärts, vorwärts! Rette sich wer kann!" Einige Besonnene wollen der Panik Halt gebieten. Vergebens. Ein Schuss knallt. Wer war es? Ein Deutscher? Ein Russe? Der Schuss löst eine ungeheure Panik aus. Eine wüste Knallerei beginnt, während die hereinbrechende Dämmerung jede Möglichkeit nimmt, eine klare Erkenntnis der Lage zu gewinnen. Nach allen Richtungen knallt es wüst durch den Wald, Zweige krachen, Schritte hasten und schrille Schreie ertönen. Die Hölle ist los. Ich werfe mich in das nächstbeste Loch, in dem es leider gräulich stinkt. Aber was schadet das. Neben mir, über mir, überall krachen Schüsse herein, bersten Explosivgeschosse, entzünden Brandgeschosse züngelnde kleine Feuerchen. Ist das nun das Ende? Kommen wirklich die Russen? Nach einer mir endlos erscheinenden Zeit wird es ruhiger. Es ist nun völlig dunkel geworden. Ich höre Menschen an mir vorübergehen. Feind oder Freund? Noch wage ich mich nicht aus diesem Loch, stelle mich tot. Es könnten ja Russen sein. Da hör ich deutsch sprechen. Heraus aus dem Loch. ,,Was ist denn los, Kameraden?" Niemand weiß, was los ist. Der Spuk verging wie er kam. Nur das Stöhnen der Verwundeten hallt durch die Nacht. Es ist unfassbar. Nach einer Weile stehe ich wieder bei den Wagen auf der Schneise. Langsam belebt sich die Schneise wieder und ein Wagen nach dem anderen setzt sich in Bewegung. Vor mir hält ein kleiner Personenkraftwagen. Ich frage den Fahrer, ob er nicht Platz für mich hat, da ich wegen meiner Verwundung schlecht laufen könnte. „Wir können Sie mitnehmen", antwortet er. „Der vierte Platz ist frei geworden, da es den Kameraden, den wir bisher mitnahmen, leider bei der Schießerei im Walde erwischt hat!". Glück muss der Mensch haben. Nichts wie rein in den Wagen. Der Fahrer ist, wie ich später feststelle, ein Stabsintendant Iden von der 342. ID. Vorn neben ihm sitzt ein Zahlmeister. Hinten im Wagen, zwischen Kissen, Decken und Gepäckstücken verborgen, sitzt Hanni, die Freundin des Stabsintendanten. Ich quetsche mich neben sie und versuche mein schmerzendes Bein auszustrecken. „Hanni, gib unserem neuen Gast einen Schluck". Sie drückt mir eine Pulle Sekt in die Hand. Ich bin nicht schüchtern und nehme einen tiefen Zug. Ah, wie das angenehm den Schlund herunterläuft. Auch Iden stärkt sich und erklärt mir sein Vorhaben. Er will im Caracho den Durchbruch versuchen. Zunächst bis Halbe fahren und dann von Halbe unter der Autobahn durch Teurch Teupitz zu erreichen versuchen. Ich bin sehr einverstanden, kuschle mich neben Hanni und die Fahrt geht los.

Montag, 30. April 1945, Chronik des 20. Jahrhunderts

Der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler begeht im Bunker unter der

Reichskanzlei in Berlin Selbstmord.

Die bayerische Landeshauptstadt München wird von Truppen der

US-amerikanischen 7. Armee besetzt. Viele Bewohner der Stadt bereiten den Soldaten einen freundlichen Empfang.

Bis Halbe sind es nach meiner Schätzung nicht mehr als 5 km , von Halbe bis zur Kreuzung mit der Autobahn nochmals 5 km und dann etwa 6 bis 7 km bis Teupitz. Unter anderen Umständen mit dem Auto ein Katzensprung. Aber unsere Hoffnung, die Strecke noch im Laufe der Nacht bewältigen zu können, sollte sich als trügerisch erweisen. Zwar war es gelungen, den Russen aus Halbe zurückzudrücken. Oben an der Autobahnbrücke aber hatte er allerhand aufgefahren. Halbe selbst und die Strecke von Halbe bis zur Autobahn lag unter dauerndem starken Beschuss. Dazu kamen die Scharfschützen, die zu beiden Seiten der Straße in dem Kieferngehölz zurückgeblieben waren und die Straße höchst unsicher machten. Natürlich war der Weg rettungslos verstopft. Pferdeleichen, umgestürzte Wagen, verbrannte Autos, zerschossene Panzer versperrten die Straße. Es gehörte schon eine große Fahrkunst dazu, sich zwischen den gebückt vorwärts schleichenden Landsern und der Schlange der übrigen Trosswagen und Autos an diesen Hindernissen vorbeizuschieben. Immer wieder stockte die langsame Fahrt. „Panzerfäuste nach vorn! " „Panzer und Panzerspähwagen nach vorn!" Immer wieder wurde nach panzerbrechenden Waffen gerufen und eine Reihe von Offizieren bemühte sich, die linke Straßenseite für die angeblich hinten noch vorhandenen Panzer zum Vorbeifahren frei zu machen. Aber die Panzer kamen nicht. Was sollten sie auch hinten zwischen den Trosswagen. Sie waren sicher längst durch. Immerhin war allmählich etwas Ordnung in die Kolonne geraten. Die Kraftwagen hatten sich nach vorn gedrückt und es ging, wenn auch im Schritttempo allmählich vorwärts.

Im Morgengrauen hatten wir Halbe erreicht. Da die Ari ständig hineinpfefferte, suchten wir für kurze Zeit Schutz in dem Keller eines zusammengeschossenen Hauses. Dort mussten ein paar Landser gehaust haben, die bei eiligem Aufbruch ihre Vorräte zurückgelassen hatten. Ich fand ein Stück Brot und ein Säckchen mit Zucker, für einen ausgehungerten Magen ein wahres Labsal. Iden drängte zur Weiterfahrt. Er gab sich nun als Beauftragter des Generals aus, der die Kolonnen abfahren solle. So bogen wir nach links aus der Schlange heraus und kamen gut vorwärts. Die Granateinschläge wurden jedoch immer häufiger und ekelhafter. Plötzlich flog vor uns ein Lkw in Fetzen. Volltreffer! Raus in einen der Deckungsgräben an der Straßenseite. Eine Stunde oder länger hockten wir dort bis die Straße einigermaßen geräumt war, sodass wir weiter konnten.

Inzwischen war es heller Tag geworden und mit dem Tage kamen auch unsere Verfolger aus der Luft wieder auf. Alle Viertelstunde sprangen wir aus dem Wagen, um volle Fliegerdeckung zu nehmen. Schließlich waren wir es satt, beschlossen alles auf eine Karte zu setzen und koste es, was es wolle, den Durchbruch zu wagen. Es konnten ja nur noch 2 bis 3 km bis zur Autobahn sein. Wir verbarrikadierten uns im Wagen so gut es ging mit Ledertaschen, Decken und Rucksäcken als Splitterschutz und Iden drückte rücksichtslos auf die Tube. Da gabelt sich plötzlich die Straße. Die eigentliche Straße selbst ist durch ein Knäuel umgestürzter Wagen versperrt. Rechts und links biegen tiefeingewühlte Spuren in den schütteren Wald. schieben sich Wagen und Menschen langsam vorwärts. Links scheint eine bessere Möglichkeit des Vorwärtskommens. Also los, mit kochendem Kühler über das wurzelige unebene Gelände zwischen den Baumstämmen hindurch. Nach einer Viertelstunde sind wir rettungslos festgefahren. Es geht weder vorwärts noch zurück. Wir müssen den Wagen aufgeben. Noch ein Schluck aus der Pulle, Sturmgepäck heraus, zu Fuß weiter. 100 m weiter peitschen uns MG-Garben entgegen. Ein Trupp Landser strömt zurück . „Hierher , Hanni!". Wir müssen nach rechts über die Straße. „Hier kommen wir nicht durch!" Etwas weiter rechts sehen wir wieder die Straße liegen. Alle halbe Minute spritzt dort ein gut liegender Granateneinschlag auf. Wir pirschen uns heran. „Wumms!". Einschlag. Jetzt hinüber! „Wumms!" Einschlag hinter uns! Das war mal wieder gut gegangen. In dem Waldstück rechts der Straße ist es etwas ruhiger. Allmählich sammelt sich ein Trupp von etwa 40 Landsern samt dem unvermeidlichen Anhang von Frauen und Kindern. Mit Hanni zwischen uns marschieren Iden und ich langsam bis zur Spitze dieses Trupps. Dort führt ein SS-Untersturmführer das Wort. „Es können nur noch 500 m bis zur russischen Linie sein, die hier offenbar dünn besetzt ist. Dahinter ist dann gleich die deutsche HKL. Wir müssen versuchen durchzukommen. Wenn wir ordentlich brüllen und feste knallen, kommt der Iwan ins Laufen. Alle Gewehrträger nach vorn als Stoßkeil, Frauen und Kinder hinten nach!" Es dauert wohl eine Stunde, bis es ihm gelingt, einen einigermaßen kampffähigen Stoßtrupp zusammenzustellen. Keiner hat rechte Lust, alle sind ausgepumpt und hungrig. Mittlerweile ist es 3 oder 4 Uhr nachmittags geworden. Ich sage mir, dass ich nur die Wahl habe, hier im Walde vom Flieger oder Ari zusammengeschossen zu werden und ohne Verbandszeug und jede ärztliche Hilfe wie ein Stück Wild zu verenden oder durch rücksichtslosen Einsatz doch noch irgendwie aus diesem Hexensabbat herauszukommen. Wer sich selbst aufgibt, ist rettungslos verloren. Und wenn ich nur eine geringe Chance habe, so werde ich sie nutzen. Ich reihe mich deshalb in den Stoßtrupp ein. Iden kann sich nicht von Hanni trennen und bleibt zurück. Langsam schleichen wir durchs Gehölz. Da - Pitsch, pitsch, knallt es uns entgegen. Das ist vielleicht der entscheidende Moment. Wir beginnen eine wüste Knallerei und springen - laut „Hurra!" brüllend- von Stamm zu Stamm vorwärts. Jetzt nur nicht erlahmen. Vorwärts und durch! Aber wie ich mich umsehe, hält der größere Teil es für geraten, sich auf den Bauch zu legen und sinnlos in die Gegend zu knallen. Vorsicht ist der bessere Teil der Tapferkeit. Immerhin, das ist eine Art Feuerschutz. Mich packt eine verzweifelte Wut, diesem Zustand ein Ende zu machen. Ich schreie ein paar Kameraden zu, dass sie mit mir vorgehen sollen. Drei junge Kerle schließen sich mir an. Wir brüllen, laufen und schießen. Vor uns schimmert ein Gehöft durch die Bäume, wahrscheinlich eine Försterei. Wir laufen darauf zu. Da treten etwa 4 braune Gestalten seitlich heraus. „Hände hoch!", schreie ich. Sie heben wirklich die Hände hoch, und ich sonne mich einen Augenblick in dem Stolz, meine ersten Gefangenen gemacht zu haben. Da rattert es plötzlich aus der Rückwand des Gehöftes auf uns los - ein fürchterliches, tödliches MG-Feuer. Im Nu liege ich auf der Schnauze. Meine Hände krallen sich in den Boden.„Jetzt ist es

aus " - denke ich. Der Lärm ist ohrenbetäubend. Aus 20 m Entfernung schießt man auf uns arme Kerle mit Explosivgeschossen, die rechts und links von mir krachend zerbersten. Aber die meisten Schüsse liegen zu hoch. Ich liege so tief im Waldboden verkrallt, dass ein Zielfeuer nicht möglich ist. Zwei meiner Kameraden schreien kurz nacheinander auf. Sie haben Splitter abbekommen. Ich bleibe vollkommen unversehrt. Endlich hört das Feuer auf. Noch eine Weile stelle ich mich tot. Vor mir ertönen Stimmen: „Hallo, komm, Kamerad, komm ". Es sind Russen. Langsam hebe ich den Kopf. Da steht vor mir ein brauner Kerl. „Kamerad, schmeiß Gewehr weg! Warum Du schießen, Krieg aus! " Was bleibt mir anderes übrig. Langsam stehe ich auf und gehe ihm entgegen. „Uhr? " fragt er und tastet mich ab. Ich gebe ihm meine Armbanduhr. Er hat mich gefangen genommen, also hat er wohl das erste Anrecht darauf. Ich bitte ihn, die verwundeten Kameraden, hereinzuholen. Dann gehe ich mit ein paar anderen inzwischen hinzugekommenen Russen in den Hof der Försterei. Dort wimmelt es von etwa 60 bis 70 Russen und etwa 20 deutschen Landsern, die mein Schicksal teilen. In der Rückwand der Scheune, in der Verwundete liegen, ist in einer Mauerbresche gut getarnt das MG eingebaut, das uns so heißen Empfang bereitete. Eine elende Falle, das Ganze. 6 bis 8 zudringliche Kerle tasten mich immer wieder ab und durchwühlen meinen Rucksack. Aber da ist nichts mehr zu finden. Schließlich lässt man mich in Ruhe. Ich setze mich an das Scheunentor in die wärmende Nachmittagssonne. „Nun bis Du also in russischer Gefangenschaft ", denke ich. Merkwürdig - es ist nur ein Gefühl, das mich beherrschte: Unendliche Erleichterung, dem Kessel entronnen zu sein, zu atmen, zu leben, die Sonnenwärme auf meinen müden Gliedern zu spüren. Nun schenkt mir auch noch ein Russe eine Zigarette. Sie sehen gar nicht so übel aus die Kerle. Schließlich, auch das sind Soldaten wie wir. Eine heimliche Neugier und Abenteuerlust beschleicht mich. „Du bist nun einstweilen in russischer Gefangenschaft.- Aber das Weitere, das wird sich finden."

Dienstag, 1. Mai 1945, Chronik des 20. Jahrhunderts

Vor dem Bunker der Reichskanzlei in Berlin begehen der Reichsminister für

Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels, und seine Ehefrau

Magda Selbstmord.

Der Oberbefehlshaber der deutschen Kriegsmarine, Großadmiral Karl

Dönitz, gibt in einer Rundfunkansprache seine Ernennung zum

Reichspräsidenten bekannt und spricht sich für eine Fortsetzung des Krieges im Osten aus.

Sowjetische Truppen stürmen im Stadtzentrum Berlins die Reichskanzlei; sie

finden im Garten des Gebäudes die verkohlte Leiche des ehemaligen

Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda Joseph Goebbels.

Am nächsten Morgen erwache ich aus tiefem, erquickendem Schlaf in dem Stroh

einer Scheune, die mit etwa 30 verwundeten deutschen Soldaten belegt ist. Etwa eine Stunde nach meiner Gefangennahme waren die marschfähigen Gefangenen in Marsch gesetzt, die anderen sollten mit einem LKW abtransportiert werden. Wir wurden in Begleitung eines stupid und gutmütig aussehenden älteren Russen bis zur Autobahn gebracht, marschierten dort eine Stunde in südlicher Richtung und bogen dann nach einem kleinen westlich der Autobahn gelegenen Dorfe ab. Die meisten von uns hatten große Angst, was mit uns geschehen würde. Manche rechneten damit, erschossen zu werden und beunruhigten die anderen mit ihrem Gefasel, dass wir nur bis zur nächsten Waldecke gebracht würden, wo uns dann der Genickschuss erwarten würde. Ich für meinen Teil habe mich niemals durch solches Gerede beunruhigen lassen. Niemand kann seinem Schicksal entrinnen. Es ist immer noch früh genug, ihm im kritischen Moment ins Auge zu sehen. Die Sorge vor dem, was möglicherweise Schlimmes kommen könne, ist wie ein schleichendes Gift, das alle Lebenskraft lähmt und unfähig macht, sich offen der durchaus erträglichen und vielleicht sogar reizvollen Gegenwart hinzugeben. Wie schön war es, mit fast unversehrten Gliedern durch die im Abendgold glühende Frühlingslandschaft dahin zu marschieren, deren Ruhe und Frieden uns nach dem ständigen Lärm der um uns berstenden Geschosse fast unwirklich vorkam! Die Autobahn selbst freilich war stark belebt. Unaufhörlich überholten uns Autos und kleine Panzerwagen und wir sahen nun erst, wie stark der Russe hier war. Die ganze Straße war gespickt mit in Schützenlöchern liegender Infanterie, Granatwerfern, Paks und Infanteriegeschützen. Hier durchzukommen ohne starke Artillerievorbereitung, an der es uns völlig gefehlt hatte, wäre unmöglich gewesen. An einer Stelle der Autobahn wurden wir vor einen

Offizier geführt, der sich kurz darüber informierte, von welchen Einheiten wir kamen. Er machte aber nur Stichproben und ich richtete es wohlweislich so ein, dass keine Frage an mich gerichtet wurde. Ein individuelles Verhör fand nicht statt. Als wir von der Autobahn abbogen, überholte uns ein Heuwagen. Der darauf sitzende Russe hielt freundlich an und ließ die Fußkranken aufsitzen. Wir anderen gingen langsam hinterher. Als wir in das nächste Dorf kamen, dunkelte es bereits, trotzdem wurde allen Unverwundeten durch Dolmetscher befohlen, weiter zu marschieren. Die Verwundeten erhielten Quartier in einer Scheune. Da ich nach allen Schrecken der vergangenen Tage todmüde war, schlug ich Kapital aus dem Splitterchen in meinem Bein und ergatterte den durchaus annehmbaren Schlafplatz in der Scheune. Herrlich, einmal wieder ungestört schlafen zu können! Ich wachte erst auf, als ein paar Flüchtlingsfrauen hereinkamen, die von einem Russen durch lebhafte Gesten aufgefordert wurden, bei den schwerer Verwundeten die Verbände zu erneuern. Als ich aus der Scheune herauskam, wurden wieder die einigermaßen Marschfähigen zusammengestellt, um weiter gebracht zu werden. Zu essen gab es nichts. Ich entdeckte aber in einer Art Waschküche neben der Scheune einen Topf mit Grieben und füllte mir schleunigst damit meine Fettbüchse. Auch gelang es mir, im Hause noch etwas Brot zu ergattern. So konnte ich mich getrost den „Marschfähigen" anschließen. Wir bildeten schließlich einen Haufen von etwa 40 Mann, der unter Führung eines sympathischen jungen Oberleutnants, von Beruf Privatdozent an der Universität Hamburg, den Befehl bekam, nach Luckau ins Feldlazarett zu marschieren.

Eigentümlicherweise wurde uns keine Begleitmannschaft mitgegeben. Wenn wir gewollt hätten, hätten wir also bereits damals ausbüxen können. Mir erschien Luckau aber ein durchaus annehmbares Reiseziel, da es von unserem Standort aus westlich lag, sodass ich keine Bedenken hatte, mich dem Haufen anzuschließen. Trotzdem wir frei von Bewachung waren, spürten wir auf diesem Marsch nun doch bald sehr stark das bittere Gefühl, geschlagen und gefangen zu sein. Die Russen feierten den 1. Mai. Überall hingen rote Bänder mit weiß aufgemalten Sprüchen. An besonders markanten Straßenpunkten waren Masten mit roten Fahnen und eigentümlich theatralische Holzpyramiden aufgestellt. Die frischen Gräber gefallener Russen waren mit Blumen und knallroten Bändern geschmückt. Die uns begegnenden Russen waren größtenteils besoffen, grölten und sangen und riefen uns zu; „Hitler kapuuht!" Unter ihnen befand sich eine große Anzahl uniformierter Weiber, die mit dem Gewehr über der Schulter oder umgeschnallter Pistole herumliefen. Viele von ihnen waren auch als Straßenposten eingesetzt und lenkten mit kleinen Fähnchen den Verkehr. Da wir an einem Tag nicht nach Luckau gelangen konnten, wollten wir gegen Abend in irgend einem Dorfe Quartier machen. In dem ersten Dorf erklärten Bürgermeister und Kommandant nach längerem Verhandeln, dass es leider verboten wäre, in einem von Russen besetzten Dorf Deutsche zu beherbergen. Immerhin erwirkte unser tüchtiger Oberleutnant, dass uns eine Kanne mit Milch und ein Haufen belegter Brote von der Einwohnerschaft gebracht werden durften. Das Dorf hatte sich sofort kampflos ergeben. In den unzerstörten Häusern hingen überall weiße Fahnen. Aber die Einwohner klagten doch sehr über die rücksichtslos brutale Art, in der die Russen ihnen alles wegnähmen. Alle Häuser seien durchstöbert und Schmuck, Kleider Schuhe samt den meisten Essvorräten weggenommen. Den Frauen sei bisher nichts geschehen. Leider hätten jedoch einige die Russen freiwillig bei sich aufgenommen, ließen sich von ihnen aushalten, mit gestohlenem Schmuck behängen, mit Schnaps traktieren und zeigten auch sonst nicht die geringste Scham, worüber im Dorf die größte Empörung herrsche. Wir verabschiedeten uns mit herzlichem Dank und besten Wünschen und versuchten im nächsten Dorf unterzukommen. Aber überall erhielten wir den gleichen Bescheid. Einer der Kommandanten erklärte uns lächelnd, wir könnten doch auf der Straße schlafen. Tatsächlich waren wir fast dazu entschlossen, da die meisten sich kaum mehr vorwärts schleppen konnten. Der Blutverlust und die Anstrengungen der letzten Tage machten sich doch bemerkbar. Da machte ich einen letzten Versuch, in einem Dörfchen jenseits der Autobahn unterzukommen. Das Dorf war nur mit ganz wenig Russen belegt. Ich gab dem mir entgegenkommenden Posten meine letzten Zigarren und das hatte schließlich die Wirkung, dass uns gestattet wurde, im Saal des in der Dorfmitte gelegenen Gasthauses zu übernachten, allerdings unter der Voraussetzung, dass die Türen abgeschlossen wurden und keiner in der Nacht herausging. Auch wurden wir nochmal einzeln auf Waffen durchsucht. Offenbar hatten die Kerls doch einen höllischen Respekt -selbst vor unserem armen Haufen müder Verwundeter! Mein Spähtrupp in diesem Dörfchen hatte sich gelohnt. Anstatt mit hungrigem Magen auf der Straße zu kampieren, bekamen wir ein prächtiges Strohlager und zuvor einen Teller vorzüglich warmer Kartoffelsuppe. Die Bauern und ein paar Frauen sorgten rührend für uns. Auch hier herrschte zwar eine recht gedrückte Stimmung, aber es war doch keinem der Einwohner von den Russen ein Schaden an Leib oder Leben zugefügt. Nur über die brutalen Plünderungen herrschte große Erregung. Das Lazarett in Luckau war in einer in den letzten Jahren vor dem Krieg gebauten 8-klassigen Volksschule untergebracht. Normalerweise hätten darin etwa 200 Mann liegen können. Jetzt waren etwa 800 Mann dort untergebracht und es herrschte eine drangvoll fürchterliche Enge. Die erste Nacht konnten wir überhaupt nur ein Notquartier in einem Schuppen am Bahnhof erhalten. Am nächsten Tag wurden wir entlaust und von einem russischen Stabsarzt unter Assistenz einer

größeren Schar uniformierter Russenfrauen ärztlich betreut. Zum Zwecke der Entlausung gab man seine gesamten Klamotten unten in der Turnhalle ab, von der zwei Heizöfen laufend die nötige Hitze für die Entlausungskammern und den Baderaum spendeten. Alles in allem eine sehr primitive Einrichtung, und ich wundere mich nur, dass ich nicht durch diese Art von Entlausung neue Läuse bekam. Das Gewimmel der Hunderte von nackten Männern, die die Turnhalle bevölkerten und von da aus ohne Kleider durch die verschiedenen Stationen im Haus durchgeschleust wurden -Haare Scheren, Duschen, ärztliche Untersuchung, Kleiderrückgabe - mutete an wie ein Bild eines alten Meisters über das jüngste Gericht. Gott sei Dank kam ich infolge meiner Naturglatze darum herum, dass mir eine Gefangenenglatze geschnitten wurde. Die Kameraden wurden von den mit der Schere nicht schüchtern umgehenden Russen zum Teil recht übel zugerichtet. Nachdem dies alles glücklich überstanden war, zwängte ich mich zu den etwa 40 Mann, die bereits in einem Klassenzimmer untergebracht waren, um wenigstens für die nächste Nacht ein einigermaßen annehmbares Quartier zu haben. Viele mussten auf dem Flur oder dem harten Boden der Turnhalle übernachten. Die Verpflegung war äußerst knapp! 20 Mann, ein Brot pro Tag und ein Kochgeschirrdeckel voll dünne Kartoffelsuppe. Dem Vernehmen nach sollten Kartoffelschäler und sonstige Männer vom „Arbeitsdienst" einen Teller Suppe extra erhalten. Unter diesen Umständen erwachte in mir sehr bald der Drang nach Beschäftigung, obwohl ich in einer Lehrerbücherei Bismarcks „Gedanken und Erinnerungen" gefunden hatte.

Der „Arbeitsdienst" gab außerdem willkommene Gelegenheit, im Gebäude und im Hof herumzuspionieren. Schon damals stand für mich fest, dass in diesem überfüllten Kasten meines Bleibens nicht lange sein würde. Die Frage war nur, wie man wegkommen konnte. Dazu war vor allem Zivilkleidung unerlässlich. Ein paar Männer, die unten vorm Haus zur Arbeit eingesetzt waren, hielten es für ausgeschlossen, Zivilkleidung zu bekommen, da die Russen allen Einwohnern Luckaus nur je einen Anzug gelassen hätten. Am nächsten Morgen entdeckte ich jedoch bei einem Bummelgang auf dem Boden in einer Bodenkammer ein großes Lager von Lumpen, Spinnstoffen, alten Hosen und Röcken, das wahrscheinlich aus der letzten Spinnstoffsammlung stammte und noch nicht abgeliefert war. Darunter fand ich nach einigem Suchen eine mir passende, noch ganz leidlich aussehende braune Jacke, die ich zunächst unter den Uniformrock ziehen konnte, und einen wunderbaren schwarzen Mantel. Die Hosen waren alle zu schäbig und schmutzig, sodass ich mich zunächst mit meiner Militärhose behelfen musste. Immerhin wurde auch der Mantel für alle Fälle mitgenommen. Als ich wieder herunterkam, hieß es allgemein, der Volkssturm solle entlassen werden. Daraufhin gab ich meinen Militärmantel auf, zog den schwarzen Mantel an, ließ mir eine weiße Armbinde um den linken Arm binden, wie sie allgemein dort von den Volkssturmmännern getragen wurde, und gesellte mich zu den bärtigen Volkssturmmännern, die in Erwartung der kommenden Entlassung bereits auf dem Schulhof Aufstellung genommen hatten. Leider war das Gerücht mal wieder den Tatsachen weit vorausgeeilt. Von einer Entlassung des Volkssturms war vorläufig nicht die Rede. Nach stundenlangem Warten verlief sich der Schwarm der teils echten teils unechten Teilnehmer und jeder suchte sich wieder ein Unterkommen in den überfüllten Lazaretträumen. Ein schüchterner Versuch von mir, einfach von Luckau „ abzuhauen " schlug fehl. Der vor der Tür stehende Posten passte auf wie ein Lux und verwies mich mit unmissverständlichen Gesten zurück ins Haus. Also ein weiterer Hungertag! Am Nachmittag des nächsten Tages schien es so, als ob die Entlassung des Volkssturms wirklich Wahrheit werden solle. Wieder versammelte sich alles auf dem Hof. Nach einer Weile hieß es, dass der Volkssturm und alle marschfähigen Verwundeten in ein etwa 13 km entferntes Lager geführt werden sollten. Dort soll dann die Entlassung vor sich gehen. Es war mir zwar nicht klar, weshalb wir dann erst abtransportiert werden mussten, immerhin glaubte ich, dass diese Ortsveränderung mir nicht nachteilig sein könne und beschloss, mich dem Haufen anzuschließen.

Samstag, 5. Mai 1945, Chronik des 20. Jahrhunderts

Der vom Reichspräsidenten, Großadmiral Karl Dönitz, ernannte

Außenminister Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk bildet in

Flensburg eine geschäftsführende Reichsregierung.

Die am Vortag unterzeichnete Kapitulation der deutschen

Besatzungstruppen in Dänemark tritt um 8 Uhr in Kraft.

In der tschechoslowakischen Hauptstadt Prag erheben sich

Widerstandsgruppen gegen die deutsche Besatzung.

US-amerikanische Truppen befreien das Konzentrationslager Mauthausen

bei Linz in Österreich.

Die beiden nächsten Tage sollten die unangenehmsten meiner Gefangenschaft werden. Unglücklicherweise kam gerade, als wir abmarschieren wollten, ein Trupp von etwa 500 Leichtverwundeten an, der im Lazarett keine Aufnahme mehr finden konnte und nun zusammen mit uns abgeschoben wurde. Wir waren insgesamt über 800 Mann, die sich langsam in östlicher Richtung in Bewegung setzten. Eigentlich hätten wir noch am Abend des 4. Mai in das 13 km entfernte Lager kommen müssen, wo wir entlassen werden sollten. Ein solches Lager war aber gar nicht vorhanden. Einige Kilometer vor Lübbenau gelangten wir an ein kleines Gehöft, in dem etwa 80 deutsche Gefangene hinter Stacheldraht lagen. Mehr konnten dort unmöglich Aufnahme finden. Unser Zug nahm Aufstellung auf einer dahinter gelegenen feuchten Wiese und man munkelte bereits, dass wir auf dieser Wiese übernachten sollten. Verpflegung gab es nicht. Das kleine Stückchen Brot aus dem Lazarett war längst aufgezehrt. Nach einer Weile ging es weiter in die bereits einbrechende Dämmerung hinein. In völliger Dunkelheit kamen wir nach Lübbenau und ich erlebte dort einen zweiten sehr hässlichen Spuk von Lübbenau. Nachdem wir etwa 1 Stunde lang auf der Straße gestanden hatten, erklärte sich der Kommandant bereit, uns auf einem an der Straße gelegenen Fabrikgrundstück übernachten zu lassen. Die Fabrikräume selbst waren viel zu klein, um alle 600 Mann aufzunehmen. Über die Hälfte musste draußen in der nasskalten Maiennacht bleiben. Aber auch die wenigen, die hineinkamen, hatten es nicht bequem. Ich war mit ein paar Kameraden in das Fenster eines kleinen Schuppen gestiegen und fand mich bald eingequetscht zwischen den bereits darin befindlichen und den von draußen nachdrängenden Kameraden in einem mit Sägen, Holz und Werkzeugen angefüllten Raum, wo ich in einer Art Hockstellung hingekauert ein paar Stunden dahindämmerte.

Sonntag, 6. Mai 1945, Chronik des 20. Jahrhunderts

Reichsführer SS Heinrich Himmler wird vom neuen Reichspräsidenten,

Großadmiral Karl Dönitz, aus allen seinen Ämtern entlassen.

Reichsmarschall Hermann Göring versucht vergeblich, von Berchtesgaden

aus mit dem Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Europa,

General Dwight D. Eisenhower, in Kapitulationsverhandlungen zu treten.

Eisenhower befiehlt den US-amerikanischen Truppen, ihren Vormarsch in

Böhmen zu stoppen.

Sowjetische Truppen beginnen in Böhmen mit einer Großoffensive gegen

die Reste der deutschen Heeresgruppe Mitte unter dem Befehl von

General Ferdinand Schörner.

Die letzten deutschen Truppen der zur Festung erklärten schlesischen

Stadt Breslau kapitulieren vor Einheiten der Roten Armee.

Der ehemalige deutsche Generalgouverneur in Polen, Hans Frank, wird

in Norddeutschland aus einer Kolonne von Kriegsgefangenen heraus von

britischen Soldaten festgenommen.

Wir waren froh, als es langsam wieder hell wurde und wir die schmerzenden Glieder wieder regen konnten. Natürlich ging es nicht ab ohne Krach und

Geschimpfe und gegenseitiges Hin-und Herstoßen. Alles war übernächtigt und nervös und wurde von wachsendem Hunger gequält. Zum Morgenfrühstück gab ´s jedoch nichts als ein paar rohe Mohrrüben, die wir aus einer Miete herausbuddelten. Dann ging es weiter nach Osten, einem unbestimmten Ziel entgegen. Wir marschierten in Fünferreihen, voran ein Hauptmann, ein junger Leutnant und ein alter griesgrämiger Polizeioffizier. An der Spitze ein bärtiger Russe mit geschultertem Karabiner, in der Mitte des Zuges wieder zwei Russen auf beiden Seiten und am Ende ein Russe auf einem Fahrrad. Vor allem der letztere, ein asiatisch aussehender, äußerst misstrauischer Mensch, entpuppte sich als ein recht übler Kunde. Alle Nase lang ließ er Halt machen und durchzählen, um festzustellen, ob er auch alle seine Schäfchen noch beisammen hatte. Durch einen Dolmetscher ließ er uns mitteilen, dass jeder, der eine Flucht versuchen würde, sofort erschossen würde. Wenn jemand aus der Reihe heraustrat und etwas zu weit rechts oder links der Straße geriet, fing er sofort zu knallen an. Kein Wunder, dass die Stimmung immer gedrückter wurde. Da viele Fußkranke dabei waren, ging es entsetzlich langsam vorwärts. Als ich die Schleicherei nicht mehr aushalten konnte, ging ich zu dem Hauptmann und fragte ihn, ob er nicht einen Schritt zulegen wolle. „Sie haben ja keine Ahnung , was gespielt wird" fuhr er mich an. „Sie sehen doch, dass hier alle Wagen nach Osten fahren. Ich habe von einem Dolmetscher sichere Kenntnis darüber erhalten, dass die Russen bis zum 10.5. hinter die Oder zurück müssen. Jetzt kommt es für uns nur auf Zeitgewinn an. Wenn wir bis zum 10. nicht die Oder erreicht haben, lässt man uns vielleicht laufen!" Die Phantasie eines Gefangenen treibt seltsame Blüten. Ich habe an diese eigentümliche Politik des „Zeitgewinns" nie geglaubt, war aber hinterher doch froh, dass wir in diesen 3 Tagen, trotzdem wir ununterbrochen marschierten, insgesamt nicht mehr als 70 km schafften. Wir waren, wie sich der Hauptmann geschmackvoll ausdrückte, der „Leichenzug des Grosssdeutschen Reiches". Immer wieder fuhren fröhlich grinsende Russen an uns vorbei, die uns meist mit irgendwelchen unverständlichen Zurufen begrüßten, oder es begegneten uns Polen- und Russenmädchen in schönsten Sonntagskleidern und mit Blumen im Haar. Ein paar davon sangen mit ihren kreischenden Stimmen: „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei" und brachen in ein lautes Gelächter aus. Plötzlich gab es einen Halt. Ein frecher Pole trat auf den Hauptmann zu und veranlasste ihn, seine Stiefel auszuziehen. Er probierte sie selbst und da sie ihm passten, warf er ihm seine dreckigen, ausgelatschten Stiebel zu. Da blieb dem armen Kerl nichts anderes übrig, als sie anzuziehen, wenn er nicht auf Strümpfen weiterlaufen wollte. In den Dörfern kamen uns mitleidige Frauen mit Kaffeetöpfen und ein paar Schnitten entgegen. Die Kameraden stürzten sich wie Tiere darauf, ein paar Schnitten fielen in den Dreck wurden aus dem Dreck herausgeklaubt und gierig verschlungen. Trotzdem sich mir der Magen umdrehte vor Hunger, verging mir bei diesem Anblick der Appetit. Gegen Abend ließ der ganz gutmütige bärtige Russe vor einem Gehöft Halt machen , wo es Wasser gab und Kartoffelmieten. Im Nu waren von den findigen Landsern auch ein paar Ziegelsteine organisiert und etwas Holz besorgt. Bald flackerten überall kleine Feuerchen und brodelten Pellkartoffeln oder Kartoffelsuppe in Kochgeschirren. Ich hatte mir Gott sei Dank unterwegs aus dem Straßengraben ein weggeworfenes Kochgeschirr organisiert, sodass auch ich mit zwei Kameraden aus Frankfurt/Oder und Küstrin mir eine schöne Kartoffelsuppe kochen konnte. Wenn sie auch nur aus Wasser und Kartoffeln bestand, sättigte sie doch für den Augenblick und diente wesentlich zur Hebung unserer Lebensgeister. Ein paar Kilometer weiter fand sich später auch eine leidlich große Scheune, in der wir in dichten Reihen Kopf gegen Kopf und Fuß gegen Fuß gelagert ganz gut für die Nacht unterkamen.

Montag, 7. Mai 1945, Chronik des 20. Jahrhunderts

In Reims (Frankreich) unterzeichnen Generaloberst Alfred Jodl (Heer),

Generaladmiral Hans-Georg von Friedeburg (Marine) und General Wilhelm

Oxenius (Luftwaffe) die bedingungslose Kapitulation aller deutschen Streitkräfte.

Teilen der deutschen 9. und 12. Armee gelingt es beim Rückzug in Richtung

Westen bei Tangermünde die Elbe zu überqueren und sich geschlossen in

US-amerikanische Kriegsgefangenschaft zu begeben.

Einheiten der sowjetischen 1. Weißrussischen und 1. Ukrainischen Front unter dem Befehl der Marschälle Georgi K. Schukow und Iwan S. Konew stoßen bis zur Elbe vor. Die US-amerikanischen Truppen räumen die von ihnen gehaltenen Brückenköpfe am Ostufer der Elbe.

An der deutschen Nordseeküste werden Cuxhaven, Wilhelmshaven und Emden von britischen Truppen besetzt.

Vor dem Firth of Forth an der schottischen Küste gelingt dem deutschen U-Boot U 236 mit der Versenkung zweier britischer Frachtschiffe der letzte deutsche Seesieg.

Die US-amerikanische Besatzungsmacht setzt den früheren Zentrumspolitiker Konrad Adenauer zum Oberbürgermeister von Köln ein.

Auf Morgenfrühstück und Mittagessen mussten wir am nächsten Tag freilich wieder

verzichten. Wer klug war, hatte sich ein paar Pellkartoffeln aufgehoben. Im

übrigen stellte ich fest, dass man sich auch an Hunger allmählich gewöhnen kann und alles eigentlich nur eine Frage des Willens und der Haltung ist. Den Schlaf hätte ich vielleicht noch viel schwerer missen können.

Am nächsten Abend war unser Posten sogar großzügig, uns eine von den vielen frei herumlaufenden Kühen freizugeben, die von sachkundigen Leuten abgezogen und geschlachtet wurde, sodass wir zu den Kartoffeln eine ganz nahrhafte Fleischbrühe und ein paar Brocken Fleisch bekamen. Inzwischen waren wir von Ort zu Ort damit vertröstet worden, dass wir nun bald zu einem Gefangenenlager kämen. Aber sowohl in Vetschau wie in Kottbus schoben uns die Kommandanten weiter nach Osten ab.

In Kottbus lagen wir zwei Stunden in dem hübschen Stadtpark, wo der Flieder herrlich blühte. Ich dachte an das von uns so oft gesungene Soldatenlied „...und es blüht der weiße Flieder, kehr ich heim zur Abendstund "... und überlegte ernstlich, mich in einem passenden Augenblick davon zu machen, um nach Westen zurückzuwandern. Beim Abzählen stellte sich heraus, dass etwa 10 Mann fehlten, denen es gelungen war, unbemerkt davon zu schleichen. Warum sollte das nicht auch mir glücken? Aber immer, wenn ich fast zum Sprung entschlossen war, kam der radelnde Asiate mit seinem Schießprügel an und ich wagte doch nicht den entscheidenden Schritt. Auch waren die Kameraden meiner Gruppe recht ängstliche Gemüter und warnten dringend vor einem derartigen Sprung

ins Ungewisse. Wir würden doch nicht weit kommen und würden uns unnötig einer großen Gefahr aussetzen. Als wir am Nachmittag des nächsten Tages in Forst einmarschierten, steht es für mich jedoch fest, dass hier oder nirgends der entscheidende Schritt gewagt werden müsse. Mein Magen brummte fürchterlich und ich hatte nicht die geringste Lust mehr, mich in diesem großen hungernden Haufen weiter nach Osten verschleppen zu lassen. Hier kannte ich die Gegend genau. In einer knappen Stunde würde ich in Mulknitz sein, wo ich Anfang April so nette Tage verbracht hatte. Von dort aus wußte ich einen versteckten Waldweg über Groß-Lasch und Merzdorf zurück bis in die Gegend von Kottbus, auf der uns sicher nicht viel Russen begegnen würden. Wenn der Absprung gelang, um das

Weiterkommen war mir nicht bange. In dem großen Haufen würde der Hunger

doch allmählich recht unangenehme Formen annehmen und jeder Tag würde mich weiter von der Heimat entfernen. Von den Russen hörten wir, dass Deutschland bedingungslos kapituliert habe und der Krieg zu Ende sei. Was hätte es für einen Sinn, noch weiter nach Osten zu marschieren und sich womöglich zu längerer Zwangsarbeit über die Grenze verschleppen zu lassen? Nein, es musste versucht werden, sich bis zu den Amerikanern durchzuschlagen. Das weitere würde sich dann schon finden. Wie zu erwarten, war auch in dem stark von Fliegern zerstörten Forst kein Lager für uns. Wir warteten eine halbe Stunde vor dem Haus des Kommandanten auf dessen Entscheid, was weiter mit uns werden solle. Hier wimmelte es jedoch von russischen Soldaten, sodass an ein heimliches Ausbrechen nicht zu denken war. Ich war schon sehr niedergeschlagen, da gab es kurz nach dem Abmarsch in Richtung Sommerfeld in einer Nebenstraße einen unerwarteten Halt. Jetzt oder nie, dachte ich. Die Kameraden standen in ungeordneten Haufen neben den Schuttbergen abgebrannter Häuser. Der radelnde Asiate war nach vorn gefahren, um sich nach dem Grund des Aufenthalts zu erkundigen. Auch der vorne stehende Posten, der gutmütige, bärtige Russe sah nach vorn, von den anderen war nichts zu bemerken. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite standen jedoch einige Forster Einwohner, die sich unseren Trupp ansahen. Einer trat auf uns zu, um uns etwas zu fragen. Er trug einen schwarzen Schlapphut, der wunderbar zu meinem Mantel passte. „Kamerad, gib mir Deinen Hut! Dann kann ich von diesem Haufen weg!" flüsterte ich ihm zu. Er sieht sich um, begreift die Situation und wirft mir seinen Hut zu. Im Nu verschwindet mein Soldatenrock und meine Mütze in einem Kellerloch. Jacke an, Mantel drüber. Soll ich den kleinen Rucksack und meine Decke hier lassen? Ach was, ich nehme beides mit. Wer weiß, ob ich die Decke nicht noch nötig brauche. Ich stülpe den Hut auf, sehe mich noch einmal um, und trete, von den teilnehmenden Blicken der Kameraden begleitet, auf die andere Straßenseite. Nichts rührt sich, nichts geschieht. Ein paar langsame Schritte! Nur ruhig bleiben, nicht auffallen, wenn das Herz auch klopft zum Zerspringen. Schon biege ich in die Seitenstraße zum Krankenhaus ein, wo der mir wohlbekannte Weg nach Mulknitz abbiegt. Da höre ich hinter mir Schritte. Hat der Posten doch noch was bemerkt? Nein, da kommt noch einer mit einem feschen Hut auf, der mir sehr bekannt vorkommt. Das ist ein junger Kamerad von einer anderen Gruppe, der mich hat weggehen sehen und mir rasch entschlossen gefolgt ist. Hinter dem Krankenhaus, wo kein Russe mehr zu sehen ist, halten wir an und beglückwünschen uns zu dem gelungenen Absprung. Es ist Toni Treuer, Jungbauer vom Wilhelmshof bei Friedrichshafen am Bodensee, mein treuer Wanderkamerad in den kommenden abenteuerlichen Tagen. Auch er ein „Dirlewanger", wohl der einzige aus dem Haufen, bei dem ich jetzt war. Man sieht, es sind doch die Dirlewanger, die am meisten Schneid haben und die Gelegenheit zu nutzen verstehen! Wir beschließen, zunächst einmal eines der kleinen Häuser hinter dem Krankenhaus aufzusuchen, um dort unseren weiteren Schlachtplan zu machen. Auch haben wir das dringende Bedürfnis, uns zunächst einmal zu waschen und zu rasieren. Bei einem freundlichen alten Mann finden wir all unsere Wünsche erfüllt und bekommen sogar noch eine Tasse Kaffee zur Stärkung. Das Wichtigste aber ist: er schenkt mir eine Generalstabskarte des Landkreises Kottbus! Eine sehr wesentliche Hilfe! Nun kann es losgehen - und in strahlender Laune marschieren wir bei sinkender Abendsonne unbehelligt und in freiem Wanderschritt bis Mulknitz, mit dem mich so viele nette Erinnerungen verbinden. ,,Paulinchen", die Schneiderin bei der ich damals mit Cremer und Pfeil im Quartier lag, ist inzwischen zurückgekehrt und empfängt mich gerührt. Wir bekommen Bratkartoffeln mit Speck und ein ordentliches Stück Brot und ein gutes Nachtquartier. Im Dorf ist kein Russe. Sie kommen nur zuweilen von Forst herüber, um zu plündern. Uns haben sie in dieser Nacht nicht behelligt. Wie herrlich schliefen wir in dem frohen Gefühl, wieder freie Männer zu sein.

Dienstag, 8. Mai 1945, Chronik des 20. Jahrhunderts

In einer Rundfunkansprache über den Sender Flensburg gibt der Reichspräsident, Großadmiral Karl Dönitz, sämtlichen deutschen Streitkräften den Befehl zur Kapitulation. Nach Inkrafttreten der am Vortag in Reims (Frankreich) unterzeichneten deutschen Gesamtkapitulation begeben sich rund 7,5 Millionen deutsche Wehrmachtsangehörige in alliierte Kriegsgefangenschaft.

Der ehemalige Reichsluftfahrtminister und Oberbefehlshaber der deutschen

Luftwaffe, Reichsmarschall Hermann Göring, wird in Kitzbühel von Angehörigen der US-Armee gefangengenommen.

Der erfolgreichste deutsche Jagdflieger des Zweiten Weltkriegs, Major Erich

Hartmann, startet vom Feldflugplatz in Brod im Reichsprotektorat Böhmen und Mähren zu seinem 1405. Feindflug. Mit dem Abschuß eines sowjetischen Jagdflugzeuges gelingt ihm der letzte deutsche Luftsieg in diesem Krieg.

Am nächsten Morgen brachen wir schon um fünf Uhr auf, um eine recht große

Wegstrecke zurücklegen zu können. Auf dem von mir gewählten Waldweg über Groß-Lieskow begegneten wir in der Tat keinem Russen. Die Dörfer Weissagk und Tränitz liegen still und ohne weitere Beschädigungen auf unserem Weg. Die Menschen sind verängstigt durch das viele Plündern der Russen, sonst aber sehr freundlich und hilfsbereit. In einem mir bekannten Gehöft dürfen wir uns ordentlich satt essen und kommen dann über die Spree. In Cottbus dürfen wir uns natürlich nicht blicken lassen, man rät uns dazu, über ein Wehr nördlich von Cottbus die Spree zu überqueren. Als wir hinkommen, steht ein Posten davor. Wir können nicht zurück, da er uns bereits gesehen hat. Also gehen wir dreist und gottesfürchtig auf ihn zu. „Franzosen?", ruft er uns entgegen, weil er sich offenbar nicht denken kann, dass deutsche Soldaten so keck auf ihn losgehen. „Oui Monsieur, nous somme francais retournents notre patrie" antworte ich ihm mit meinem längst vergessenen Schulfranzösisch. „Dobre" sagt er, ohne nach Ausweisen zu fragen und wir marschieren stolz über die Holzbrüstung der Stauanlage.

Dies Hindernis war glatt überwunden. Wir werden fast unverschämt vor Freude darüber und gehen seelenruhig an einer Schar Russen vorbei, die sich in den Schrebergärten nördlich Cottbus herumtreibt. Die meisten sind allerdings anders beschäftigt. Sie haben Autos in den Gartenwegen stehen und scharmutzieren mit blumengeschmückten Mädchen. Überall

hört man Lachen und Grölen. Überall tauchen zwischen den herrlich blühenden Fliederbüschen oder unter den in voller Blütenpracht stehenden Apfelbäumen die gedunsenen Gesichter brauner Russenkerle auf, die eine ausgedehnte Maifeier veranstalten. Wir erreichen unangefochten den Wald hinter Cottbus. Dort werden wir noch einmal von einer vorbeiradelnden Streife aufgehalten, der wir wieder zurufen: „Nous sommes francais!" und die sich erstaunlicherweise mit dieser Auskunft zufrieden gibt. Es scheint also doch sehr einfach zu sein, durch das von den Russen besetzte Gebiet zu marschieren und wir machen schon kühne Zukunftspläne. Wenn alles gut geht, meinen wir, müssten wir eigentlich Pfingsten Zuhause sein. Ein phantastisch schöner Gedanke! Aber so leicht sollte es uns nun doch nicht gemacht werden. Als die Sonne sich zu neigen beginnt, versuchen wir in einem kleinen Dörfchen in der Nähe von Vetschau Quartier zu finden. Aber die Einwohner sind sehr ablehnend. Sie fürchten sich entsetzlich vor den Russen, die das Dorf jede Nacht nach deutschen Soldaten durchsuchen. Erst gestern sei eine Frau, Mutter von 6 Kindern, erschossen worden. Bei näherem Befragen stellt sich allerdings heraus, dass sie erschossen wurde, weil sie in ihrem Garten Uniformstücke und eine leere Pistolentasche ihres Mannes vergraben hatte. Die Frist zur Beibringung der zur Pistolentasche gehörigen Pistole hatte sie ergebnislos verstreichen lassen. Während wir uns über diesen Fall unterhielten, kam ein Lastwagen mit vier Russen ins Dorf gefahren. Der Wagen war durch ein paar darüber geschlagene Latten, über denen ein Drahtgeflecht angebracht war, zur Aufnahme von Hühnern eingerichtet. Es waren schon etwa 30 Hühner darauf untergebracht. Nun fuhr der Wagen von Haus zu Haus und die Russen gingen herein um trotz allen Weinens und Klagens der Bäuerinnen die letzten Hühner herauszuholen, die bei bisherigen Plünderungen noch zurückgeblieben waren. Wir wollten uns an dem Wagen vorbeidrücken, wurden aber angerufen und aufgefordert, unsere „ Dokumente " vorzuzeigen. Es half nichts, dass wir uns wieder als Franzosen ausgaben. Wir wurden durchsucht und unglücklicherweise fand einer der Russen bei mir in einem Handschuh einen alten Zettel - den Durchschlag einer Meldung der Stabskompanie an das Regiment der 36. SS-Division , weiß der Teufel wie das Ding da reingekommen war! Ich glaubte doch alles vernichtet zu haben! Als der nicht unintelligente Russe die SS-Runen sah, war es natürlich vorbei mit uns. Zu allem Überfluss entdeckte er auch noch, dass auf unserer Generalstabskarte die Gegend um Forst schraffiert war . Ich hatte keine Ahnung warum, und wann das geschehen war. Es schien dem Russen aber höchst belastend. „Du Spion! Du SS-Offizier !" Alles Leugnen half nichts. Mit Kolbenstößen wurden wir unter den Lattenverschlag des Autos bugsiert und ein russischer Soldat, der bislang Ostarbeiter gewesen war und deutsch sprach , erging sich in lebhaften Beschimpfungen. Alle SS-Schweine müssten erschossen werden. Vorerst aber sollten wir erst einmal lernen , was

„ arbeiten " hieße. Bisher hätte die SS sie zur Arbeit getrieben, jetzt würden sie zu sehen, wie wir arbeiteten. Aus war es mit unserer Freiheit - schon am ersten Abend! Die Kerle schleppten uns durch drei Dörfer und forderten uns auf , die aus dem Haus von ihnen geklauten Hühner entgegenzunehmen und unter das Drahtgeflecht zu stecken. Auch ein paar Fahrräder wurden bei der Gelegenheit noch mitgenommen. Recht niedergeschlagen hockten wir auf dem Wagen und ließen uns von den aufgeregten Hühnern bekleckern. Es ist schon stockdunkel, als der Wagen schließlich in Vetschau Halt machte. „Runter mit Euch! Dort in die Ecke! ", rief der deutsch sprechende Russe. Da standen wir nun in einer dunklen Mauerecke. Zwei Kerle standen mit geladenen auf uns gerichteten Gewehren vor uns. Sollten wir gleich erschossen werden? Nach einer viertel Stunde kam der intelligente Russe zurück. Der Kommandant sei nicht da. Wir würden die Nacht in einem Keller untergebracht werden. Der Keller war freilich ein miserables Nachtquartier. Wir mussten durch den engen Korridor eines Hauses, dann vom Hof aus durch eine Falltür hinunter. Hinter einem Vorkeller ging es in ein schmales Gemach, in dem es feucht und moderig roch. Bums, fiel die Tür ins Schloss. Wir standen allein im Finstern. Zum Glück hatte ich noch einen Kerzenstumpf und Streichhölzer bei mir. So sahen wir denn, dass der Raum fast ganz von einem Regal mit Weckgläsern und Weinflaschen ausgefüllt wurde. Der größte Teil davon war freilich leer, der Rest mit ungenießbarem Spinat und sonstigem Gemüse angefüllt. Vor dem Regal lagen zerbrochene Gläser und Flaschen, rechts ein Haufen Runkelrüben. Wo sollten wir unsere müden Knochen hinlegen? Es blieb nichts übrig, als das Regal zu zertrümmern und zwei schmale Bretter über die Runkelrüben zu legen. Jeder bekam ein Brett als Unterlage. Darüber zogen wir eine schöne Wolldecke und das Lager war fertig. „Licht aus! " schrie jemand , der oben am Kellerfenster vorbeiging. Im Haus über uns grölten und sangen die Russen. Wir aber waren so müde, dass wir trotz Hunger und banger Sorge um unser Schicksal bald in Schlaf sanken.

Mittwoch, 9. Mai 1945, Chronik des 20. Jahrhunderts

Kurz nach Mitternacht wird in der ehemaligen Festungspionierschule in Berlin-Karlshorst die Unterzeichnung der deutschen Gesamtkapitulation

durch den Chef des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW), Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, wiederholt.

Als der Morgen mit spärlichem Schein durch das vergitterte Kellerfenster drang,

hörten wir Schritte vor der Tür. Ein Schlüssel knirschte im Schloss. Was nun? Wurden wir abgeholt, um erschossen zu werden? Der Russe, der dort kam, hatte eine durchaus friedliche Mission: „Raufkommen! Essen !", rief eine raue aber nicht unfreundliche Stimme. Das war natürlich Musik in unseren Ohren. Rasch tappten wir uns die dunkle Falltreppe hinauf, blinzelten in den strahlenden Maienmorgen und setzten uns zwischen die Russen und Russenmädchen, die alle einen gesunden Frühstücksappetit an den Tag legten. Es gab für uns zwei eine ganze Büchse Fleisch und ein Brot. Wir aßen, bis wir nicht mehr konnten und steckten den Rest in meinen Rucksack. „Spare in der Zeit... " Offenbar sollte es ja mit dem Erschießen so schnell nichts werden. Leider ging es gleich nach dem Frühstück wieder runter in den Keller, was uns bei dem strahlenden Wetter gar nicht gefiel. Immer wieder erklärte Toni: " Jetzt hätten wir schon 20 km laufen können! " Und es war nicht abzusehen, wie lange wir hier festgehalten wurden, ja ob wir jemals wieder frei kämen. Nach ein paar Stunden hieß es wieder: „Raufkommen, Essen! „ - Diesmal gab es eine Waschschüssel voll Kohlsuppe mit Fleisch darin, genug um 4 bis 5 Mann satt zu machen. Wir aßen auf dem Hof in der Sonne. In der Küche wirtschafteten 3 Russenweiber, die einen verhältnismäßig sauberen Eindruck machten und sich freuten, wenn wir das Essen lobten. In einem großen Zimmer nebenan speisten etwa 10 russische Soldaten. Der Tisch war mit Flieder geschmückt und an der Wand hing ein großes rotes Spruchband, auf dem mit weißer Schrift irgend ein Wort Stalins aufgedruckt war , darunter das mit Flieder umrahmte Bild des Generalissimus Stalin! Leider konnten wir uns nicht lange an der Sonne und diesem farbenprächtigen Bilde freuen. „In den Keller" hieß es wieder, und wir gingen nun ernstlich daran, die Gitterstäbe auf ihre Festigkeit zu untersuchen und Türriegel anzufeilen, um für die nächste Nacht einen Ausbruch vorzubereiten. Da wurden wir etwa um 4 Uhr wieder raufgeholt. Der Kommandant sei gekommen, wir sollten vernommen werden. Ich hatte mir für die Vernehmung eine lange Geschichte zurecht gelegt, die den Verdacht entkräften sollte, dass ich SS-Offizier und Spion sei.

Als ich in das Vernehmungszimmer kam, sah ich aber nichts von dem unglücklichen Zettel und auch unsere Generalstabskarte war nicht dort. Vielleicht hatte der Russe, der uns gefangen nahm, sie für sich selbst gut brauchen können. Der Kommandant war ein breiter gutmütig aussehender Kerl, der eine dicke Zigarre rauchte. Neben ihm saß ein blondes Mädchen in einem lila Strickkleid, die als Dolmetscherin fungierte. „ Volkssturm? ", fragte der Kommandant selbst. Ich schaltete rasch um , erzählte nicht die beabsichtigte Geschichte , sondern fing an zu schimpfen, dass wir als Volkssturmmänner widerrechtlich festgehalten würden. Wir seien ordnungsmäßig entlassen und wollten weiter. Außerdem sei der Keller kein Aufenthalt für anständige deutsche Volkssturmmänner. Das Mädchen übersetzte, und der Kommandant stellte wieder die peinliche Frage nach den Dokumenten. Ich erklärte, wir hätten keine, bäten aber den Kommandanten, uns ordnungsmäßige Entlassungspapiere auszustellen. Der Kommandant sog nachdenklich an seiner Zigarre und erklärte, sich den Fall überlegen zu wollen. Nach einem kurzen Palaver, woher wir kämen und wo wir uns in den letzten Tagen aufgehalten hätten, war die Vernehmung beendet. Wieder landeten wir in unserem Keller, hatten uns aber mit unsern Bewachern nun so weit angefreundet, daß wir abends einen Berg Mehlkuchen (in schwimmendem Fett gebackener Eierkuchen ohne Eier) heruntergebracht bekamen , mehr als wir verdrücken konnten. Mit Rücksicht auf diese gute Verpflegung und in der Hoffnung, den Kommandanten doch noch zu unserer Freilassung bewegen zu können, nahmen wir von unseren Fluchtplänen Abstand.

Donnerstag, 10. Mai 1945, Chronik des 20. Jahrhunderts

Die deutschen Truppen in Kurland ergeben sich der Roten Armee.

Die tschechoslowakische Hauptstadt Prag wird von sowjetischen Truppen besetzt.

Das US-amerikanische Kriegsministerium in Washington gibt den bevorstehenden Abzug von zehn Millionen US-Soldaten aus Europa bekannt. Ein Teil von ihnen soll im pazifischen Raum gegen Japan zum Einsatz kommen.

Am nächsten Morgen erklärten wir nach dem üblichen opulenten Frühstück, daß

wir nun lange genug im Keller gesessen hätten und lieber arbeiten wollten. Damit waren die Russen einverstanden. Zunächst hatten wir für die Küche Holz zu hacken. Dann war ein Lastwagen mit Roggen abzuladen, eine Arbeit, die von Toni Treuer spielend bewältigt wurde, mir armer Schreiberseele aber etwas schwerer fiel. Der Posten, der meine Ungeübtheit in der Handhabung 1 1/2 Zentner schwerer Getreidesäcke feststellte, war aber streng darauf bedacht, daß ich nicht weniger schleppte als die andern, die sich an dieser Arbeit beteiligen mußten. Außer uns wurden noch drei Polen und zwei Vetschauer Handwerker, die das Unglück hatten, gerade vorbeizukommen, zu dieser Arbeit herangezogen. Die Säcke wurden von einem etwa fünf Minuten entfernten Schuppen herübergefahren und in einem anderen Schuppen untergebracht. Wir waren damit den ganzen Tag beschäftigt.

Als wir mit der letzten Fuhre ankamen, trafen wir die Dolmetscherin und fragten sie, ob wir nun nicht bald entlassen würden. Sie erklärte gnädig, mit dem Kommandanten noch einmal sprechen zu wollen. Zu unserm Erstaunen hieß es auch kurz darauf, wir sollten nur noch einen Hof sauber machen , dann könnten wir gehen. Inzwischen hatte sich noch ein dritter Kamerad zu uns gefunden, der auf der Straße aufgegriffen war.

Wir drei begannen ein eifriges Fegen und Räumen auf dem völlig verdreckten

Hof , sodaß er nach einer halben Stunde nicht wiederzuerkennen war. Dann holten wir unsere Sachen aus dem Keller, wuschen uns und feierten fröhlich Abschied von unserem ebenso gut gelaunten Wachtposten, die uns auch Tabak und Zigaretten schenkten. Da wollte es das Unglück, daß wir den Zigarre rauchenden Kommandanten vor seiner Haustür trafen. Er sah uns an und erklärte nach einigen kräftigen Zügen aus seiner Zigarre, er habe es sich anders überlegt. Wir müßten dableiben und er wolle uns vielleicht morgen nach Cottbus zu dem dortigen Kommandanten schicken. Das war ein grausamer Sturz aus der Höhe unserer Abschiedsfreuden. Statt in die Freiheit ging es wieder hinab in den Keller, in dem wir nun zu dritt zusammengepfercht noch eine Nacht verbringen mußten. Aber es blieb uns ja nichts anderes übrig, als uns in das Unvermeidliche zu schicken.

Freitag, 11. Mai 1945, Chronik des 20. Jahrhunderts

Die letzten deutschen Truppen auf den Ägäischen Inseln und bei Dünkirchen kapitulieren. Sowjetische Landungstruppen besetzen die dänische Insel Bornholm.

Am nächsten Morgen stand ein neuer Lastwagen mit Säcken zum Abladen da.

Allmählich gewöhnte ich mich an das Säckeschleppen. Von einem Abmarsch nach Cottbus war Gott sei Dank nicht mehr die Rede. Vom Kommandanten war nichts zu sehen. Nach dem dritten Wagen erklärte der Soldat plötzlich, nun könnten wir nach Hause gehen! Wir wollten das kaum glauben, ergriffen aber schleunigst unsere Sachen, dachten nicht mehr an Waschen oder Abschiednehmen sondern hauten ab durch die nächste Seitenstraße ohne uns auch nur noch einmal umzusehen. Raus aus dem verfluchten Nest in die Freiheit des goldenen Maientages. Die nächste Frage war nun, welche Marschroute wir einschlagen sollten. Der Kamerad, der zu uns gestoßen war, wollte nach Hamburg hinauf. Toni Treuer zum Bodensee und ich nach Halberstadt.

Das Wichtigste war wohl für uns alle, zunächst einmal an die Elbe zu gelangen, um vom russischen ins amerikanische Gebiet hinüberzuwechseln. Ich hielt es deshalb für das Beste, uns einstweilen südlich zu halten, weil dort die Elbe am nächsten war. Wir mußten sehen, uns über Calau, Vormwalde, Liebenwerda in Richtung Torgau durchzuschlagen, um dort zu versuchen, irgendwo über die Elbe zu kommen. Toni war damit sehr einverstanden. Der Kamerad drängte jedoch nach Norden. Außerdem war ihm unser Wandertempo zu schnell. So trennte er sich bereits in Calau von uns, wo wir von zwei netten Frauen um den Ort herum geschleust und jeder auf den richtigen Weg gebracht wurde, der Kamerad nach Luckau, wir in Richtung Finsterwalde.

Beinah wären wir wieder von einem uns anrufenden Posten geschnappt, aber ich ging weiter, und der Posten war wohl zu faul, uns nachzulaufen und zu schießen. Ohne weitere Hindernisse kamen wir auf einem Waldweg nach Finsterwalde. Wo der Weg abzweigte, stand ein einsames Gehöft. Von dort aus rief uns ein junger Landser im schönsten Schwäbisch zu, wir möchten doch auf ihn warten, auch er wolle nach Finsterwalde weiter. Eine kurze Rast war uns nicht unlieb, zumal die Leute dort uns sehr freundlich aufnahmen. Wir bekamen nicht nur den erbetenen Schluck Wasser , sondern einen Teller mit Spinat und Kartoffeln und eine Tasse Kaffee und machten uns dann wohl gestärkt auf die Wanderschaft. Der Weg zog sich sehr lang hin, und die Maiensonne meinte es reichlich gut mit uns. Aber es war doch ein herrliches Gefühl, wieder in Freiheit dahinwandern zu können. Überall in den Dörfern blühte der Flieder und ich sang immer wieder den Kehrreim vom „weißen Flieder" vor mich hin „und es blüht der weiße Flieder, kehr ich heim zur Abendstund!". Sollte es doch möglich sein, dass mir das Lied zur Wirklichkeit wurde? Bei sinkender Abendsonne kamen wir nach Finsterwalde. Sollten wir vorsichtig sein und den Ort umgehen? Es kamen so viele Menschen von der Feldarbeit zurück. Wenn wir uns unter sie mischen, fielen wir wohl kaum auf. Außerdem hatte uns eine Flüchtlingsfrau eine Adresse angegeben, wo wir in Finsterwalde unterkommen könnten. Sie hatte uns eine Frau Dr. Günther, Marktplatz 6 sehr warm empfohlen. Also wagten wir den Weg dorthin und sollten es nicht bereuen. Das Haus lag zwar direkt neben der Kommandantur und es wimmelte rings von Russen, aber keiner kümmerte sich um uns. Wir werden ganz reizend aufgenommen. Die ganze Hausgemeinschaft des dreistöckigen Hauses interessierte sich lebhaft für uns. Alle steuerten etwas bei, um uns ein schönes

Abendbrot machen zu können und nachdem wir uns mit Genuss gewaschen und

rasiert hatten, freuten wir uns wie beschenkte Kinder darüber, nach so langer Zeit einmal wieder in einem behaglich eingerichteten, bürgerlich-städtischen Heim sitzen zu können. Im ersten Stockwerk wohnte ein Uhrmacher, der alle Hände voll zu tun hatte, um die von den Russen geklauten Uhren zu reparieren, und sich dafür mit Brot bezahlen ließ. Er hatte zwei nette Töchter, die uns einen ganzen Leib Brot mitbrachten und den Abend über bei uns blieben. Was scherten uns die Russen nebenan! Wir saßen in einer gemütlichen Stube, erzählten und sangen und waren voller Zuversicht, dass der deutsche Mensch mit seiner Tatkraft und seinem inneren seelischen Reichtum sich auch von diesem grauenhaften nationalen Unglück nicht überwältigen lassen würde. Was wir hier in diesem Raum als Menschen verschiedenster Art und Herkunft erlebten, war wirkliche Volksgemeinschaft, die sich nun im Unglück erst recht bewähren sollte!

Samstag,12. Mai 1945, Chronik des 20. Jahrhunderts

In München wird die Anordnung zur Verdunkelung aufgehoben,

die seit dem 3.September 1939 in Kraft war. Sechs Tage später wird

auch die Straßenbeleuchtung wieder in Betrieb genommen.

Am nächsten Morgen brachten uns Herr und Frau Dr. Günther in sehr

umsichtiger Weise durch den Ort. Mit aufrichtiger Dankbarkeit trennten wir uns

von diesen besonders liebenswerten Quartierwirten und zogen unbehindert nach

Liebenwerda weiter. Wieder leuchtete die Maiensonne, wieder blühte der Flieder

und wieder trafen wir in den Dörfern viel nette, hilfsbereite Menschen, sodass wir

fast vergessen konnten, dass wir uns auf der Flucht im russisch-besetzten Gebiet

befanden. Die Dörfer waren meist unzerstört, da sie sich kampflos ergeben hatten. Auf den Feldern wurden eifrig Kartoffeln gelegt, und wir hatten auch aus den Reden der Dorfbewohner meist den Eindruck, dass die Russen nicht so schlimm gehaust hatten, wie man zuerst befürchtet hatte. Auch in Liebenwerda konnten wir im Schulhause beim Hausmeisterehepaar einen netten Abend verbringen. Der Lehrer, der Nazi war, hatte sich davongemacht, und man war nicht gut auf ihn zu sprechen. Der Sohn, ein Neffe und eine Tochter mussten sich jeden Morgen um 7 Uhr zur Arbeit stellen. Das wurde aber kaum als Bedrückung empfunden. Nicht in dieses friedliche Bild passte die Beobachtung, die wir am nächsten Tage an der Bahnstrecke nach Torgau machen mussten. Dort wurden von der zu dieser Arbeit gezwungenen Bevölkerung die Schienen herausgerissen und abtransportiert, eine sehr einschneidende und in ihren Wirkungen nicht abzusehende Maßnahme, zumal wenn sie nicht einmalig blieb., sondern auch auf andere Strecken ausgedehnt wurde. Unheimliches Russland! Was war von diesen im einzelnen oft so kindlich-gutmütigen, aber zuweilen auch hemmungs- und rücksichtslosen Menschen in Zukunft noch alles zu erwarten?

Wir unsererseits hatten jedenfalls das Bestreben, nun möglichst bald über die Elbe weg in amerikanisches Gebiet zu kommen. Man hatte uns gesagt, dass wir am besten bei Belgern über die Fähre hinüberkämen. Wir brachen deshalb frühzeitig von Liebenwerda auf um bis zum Abend dorthin zu gelangen. Leider gab es in Cossdorf, gleich hinter Saxdorf einen unliebsamen Aufenthalt. Am Dorfeingang wurden wir bereits gewarnt. Das Dorf sei stark besetzt und hier würden wir wohl nicht unbehelligt durchkommen. Wir bogen deshalb von der Hauptstraße ab,

liefen aber trotzdem unserem Schicksal in die Arme. Er trat uns in Gestalt eines sehr asiatisch aussehenden , glatzköpfigen Russen entgegen, der als Koch oder Fourier der im Dorf liegenden Einheit den Auftrag hatte, in einem früheren Landserlager eine Kantine einzurichten. Dort hatten zuletzt die Polen wild gehaust. Der Hof war total verdreckt und mit allerlei Lumpen, Papier

zerbrochenem Geschirr und sonstigem Hausrat angefüllt, alles Dinge, die aus der Seitenfront des Hauses aus den Fenstern herausgeworfen wurden. Wir wurden angehalten und bekamen den Auftrag, den Hof von diesem Unrat zu säubern. Anschließend mussten wir noch einen Kellerraum ausräumen und saubermachen, wo der Koch wohl seine Vorräte unterbringen wollte. Nach drei Stunden harter Arbeit war die Sache geschafft. Der finstere Asiate verwandelte sich unter dem Eindruck unserer Leistung in den liebenswürdigsten Europäer. Offenbar versteht der Russe den Wert einer Arbeitsleistung zu würdigen. Wir wurden zum Mittagessen eingeladen und bekamen eine vorzügliche Suppe vorgesetzt. Als wir uns daran dick und satt gegessen hatten, kam erst das Hauptgericht, ein randvoller Topf Brühreis mit phantastisch viel Butterschmalz zurecht gemacht und als der Russe sah, dass wir die Brotreste sorgfältig in eine Tüte packten, um sie mitzunehmen, gab er uns noch einen ganzen Laib Brot auf den Weg, eine Gabe,

die uns später bei den Amerikanern noch sehr wertvoll werden sollte. Toni bekam von ihm eine Pfeife Tabak geschenkt, wir beiden anderen, ein paar Zigaretten. Über solche Behandlung kann man sich wirklich nicht beklagen!

Nun ging es raschen Schrittes nach Belgern weiter und bald kam der große Moment, auf den wir so lange mit Spannung gewartet hatten. Die Elbe war erreicht. Mit größter Vorsicht näherten wir uns auf Umwegen dem Elbarm und der Stelle, wo wir die Fähre vermuteten. Wir hatten befürchtet, hier auf die größte Schwierigkeit unserer Wanderung zu stoßen. Aber wie es nun einmal im Leben geht - der große Moment des Elbüberganges entwickelte sich zum harmlosesten Ereignis! Die Grenze zwischen dem russischen und dem amerikanischen Gebiet war inzwischen an die Mulde zurückverlegt. Die Elbe südlich Torgau war für die Russen uninteressant geworden. Weit und breit stand kein Posten. Als wir den Elbdamm erreichten, sahen wir die mit Flüchtlingen voll gefüllte Fähre friedlich in der Abendsonne über die Elbe schaukeln. Nach kurzem Warten fuhren auch wir friedlich ans andere Ufer. Alles vollzog sich, als gäbe es keine Russen, Amerikaner oder Engländer im Lande. Mit einem eigentümlichen Gefühl der Entspannung stiegen wir das jenseitige, höher gelegene Elbufer nach Belgern hinauf. Wir trauten dem Frieden nicht recht und beschlossen daher, noch am selben Abend ein paar Kilometer weiter nach Westen zu marschieren.

Es war nun aber der Augenblick gekommen, wo ich mich von meinem braven Toni und unserem Stuttgarter Freunde trennen musste. Sie hatten vor, über Wurzen, Leipzig weiter nach Stuttgart zu marschieren, während ich nun mich mehr rechts in die Richtung Delitzsch-Halle halten musste. Während wir noch im Grase lagen und eine Abschiedszigarette rauchten, kam ein neuer Wandergesell mit einem Fahrrad zu uns. Er war Vorarbeiter in einem Holzverarbeitungswerk in Falkenberg gewesen und hatte dort russische Gefangene unter sich gehabt. Da sie angeblich sehr träge waren, die vorgeschriebene Arbeitsleistung aber erfüllt werden musste, hatte er gelegentlich einmal einen „in die Schnauze geschlagen", wie er sich ausdrückte. Jetzt hatten ihn Kameraden verständigt, dass die Russen hinter ihm her seien. Da wollte er für einige Zeit zunächst einmal in amerikanisches Gebiet hinüber zu einem Bruder nach Köthen. Trotzdem er ein Rad besaß , war es ihm zu langweilig, allein zu fahren. „Wir fahren abwechselnd, Kamerad, immer einer im Schritttempo, der andere geht nebenher. Der auf dem Rad Sitzende ruht sich gut aus, und wir kommen schnell vorwärts !" Ich hatte nichts gegen diesen großzügigen und vertrauensseligen Vorschlag , schnallte meinen Rucksack hinten aufs Rad und hatte wieder einen netten Wanderkameraden. An der nächsten Straßengabelung trennten wir uns von den anderen mit vielen Wünschen und Freundschaftsbeteurerungen. Hoffentlich ist der Toni gut über die Fulda gekommen. Und bis zum Bodensee gab es wohl noch manches Hindernis für ihn zu überwinden. Wir übernachteten in Taura zur

Abwechslung mal wieder auf einfachem Strohlager und ohne Abendbrot, aber das Russenmahl in Cossdorf hatte ja gut vorgehalten. Die zahlreichen Landser und Flüchtlinge , die dort mit uns unser Lager teilten, erzählten uns, dass man in

Collau, südlich Billenburg, gut über die Mulde kommen könne. Dort sei ein Gastwirt, der nachts mit einem Kahn heimlich herüberführe.

Sonntag, 13. Mai 1945, Chronik des 20. Jahrhunderts

Der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW), Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, wird in Flensburg von britischen Soldaten verhaftet. Zu seinem Nachfolger wird Generaloberst Alfred Jodl, bisher Chef des Wehrmachtsführungsstabes, ernannt.

Als erster Rundfunksender nach Kriegsende im sowjetisch besetzten Teil

Deutschlands wird der "Berliner Rundfunk" in Betrieb genommen.

Also beschlossen wir, diesen Mann aufzusuchen und machten uns bereits früh um 5 auf den Weg. Schon gegen Mittag waren wir in einem kleinen Dörfchen vor Kollar namens Thallwitz. Im letzten Haus des Dorfes wohnte eine freundliche

Frau, die unseren Wunsch nach einem Glas Wasser richtig zu deuten verstand

und uns einen Teller mit Bratkartoffeln vorsetzte. So konnten wir den spannenden

Ereignissen von Collau mit einem besseren inneren Fundus entgegensehen. Der

Empfang in Collau war eine Enttäuschung . Ein entgegenkommender Bauer rief

uns zu, wir sollten nur gleich wieder umdrehen. Hier käme keiner über die Mulde. Das ganze Ufer sei mit Posten besetzt, hier russische, dort amerikanische, alle 200 m einer! „Ja, aber hier soll doch ein Gastwirt sein mit einem Kahn ?", frage ich leise. „Den hat man vorgestern geschnappt", antwortet der Bauer. Wir kommen zwei Tage zu spät, der Kahn ist versenkt und den Wirt haben sie eingesperrt. Seitdem sind die vielen Posten hier. Er hat es ja auch zu toll getrieben."

Das waren ja nun keine erfreulichen Nachrichten. Trotzdem halten wir es für richtig, erst einmal selbst die Lage zu peilen. Rad und Rucksäcke geben wir einer Frau, die im nächsten Gehöft in der Waschküche beschäftigt ist und schlendern zum Muldeufer. Richtig, dort steht ein Posten, dort hinten bei den Pappeln der nächste! So eine Schweinerei! Die Mulde ist immerhin gut ihre 15 m breit und soll sehr hässliche Strudel haben. Von unserer Frau in der Waschküche erfahren wir, dass beim Schwimmen immer wieder Unglücksfälle passieren. „Aber wer rüber will, kommt ja doch rüber ", fügte sie mit einem listigen Blick hinzu. Wir bitten sie, sich näher zu erklären. Sie sagt nach einigem Zögern leise: „Da ist ja noch das Wehr ". Wo ist es, fragten wir wie aus einem Munde. „Nach Eilenburg zu ", sagt sie, „aber ich will nichts gesagt haben. Erst gestern sind wieder zweie abgesoffen

bei der starken Strömung und außerdem hat es ja keinen Zweck, denn sie müssen dann noch über den Mühlengraben. " Dieses Wehr muss unbedingt näher betrachtet werden. Da wir nicht wissen, ob sich nicht gleich eine Gelegenheit zum Übergang ergibt, nehmen wir Fahrrad und Rucksäcke gleich mit. Unterwegs

gesellt sich eine Schar von zwei weiteren Landsern und 3 Zivilisten zu uns, sehr gegen meinen Willen, denn solche Haufen sind immer aufsehenerregend und unerwünscht. Wir marschieren in zwei Gruppen und kommen nach einiger Zeit in eine Baumgruppe, hinter der wir das Wasser rauschen hören. Dort musste das Wehr sein. An einen Baum gelehnt, steht dort gelangweilt ein russischer Posten. Er beobachtet einen Mann und eine Frau, die am jenseitigen Ufer gerade aus dem Wasser steigen. Drüben ist kein Posten zu sehen. Der Russe ist also offenbar mal wieder großzügig. Als vorsichtiger Mann gehe ich zu dem Posten hin und frage ihn, ob man rüber kann. Er knurrt mich nur an: „Was fragen? - Ab!" Dieser höflichen Einladung kann keiner widerstehen. Aber wo soll man hinübergehen. Die einzige Stelle scheint uns nach kurzer Prüfung dort, wo das angestaute Wasser über einen Streifen glitschiger Steine läuft. Es ist nur ein schmaler Streifen, links staut sich das tiefe Wasser und rechts stürzt es 2 1/2 Meter abwärts , auf spitzes von Gischt umrandetes Gestein. Auch stellte sich heraus, dass wir bis zur Hüfte durchwaten müssen, bei der Strömung auf den glitschigen Steinen kein angenehmes Gefühl . Aber es muss gewagt werden. Mein Freund kann sich sogar nicht von seinem Fahrrad trennen. Er bittet mich, seinen Rucksack zu nehmen und steigt vor mir her durchs Wasser, sein Fahrrad mit beiden Händen nach oben stemmend. Nach einer viertel Stunde sind wir glücklich alle drüben - auch die beiden anderen Landser und die Zivilisten. Wir trocknen unsere Beine und ziehen uns lachend die Stiefel an. Da rattert und knirscht es neben uns. Ein Auto fährt vor und ihm entsteigen Amerikaner, ein Streifenposten hat uns erwischt. „Soldaten oder Zivil? " fragt einer in gebrochenem Deutsch. Wir erfahren noch, dass Zivilisten sofort wieder über das Wehr zurück müssten, Soldaten aber gefangen genommen und in ein Lager überführt werden. Da keiner von uns Soldaten eine Neigung verspürt, über das glitschige Wehr wieder zu den Russen zurückzuwaten, entschließen wir uns, von beiden Übeln das letztere zu wählen. „Gehen Sie sofort zum Oberbürgermeister nach Eilenburg und warten Sie dort auf uns. Sagen Sie Ihren Kameraden, dass jeder erschossen wird, der sich diesem Befehl entzieht und auf der Straße wieder aufgegriffen wird", sagt der Führer der Streife auf englisch zu mir. Also auf denn zum „Lord-Major". Nach unserer Ankunft dort müssen wir eine lange Weile warten, und ich liebäugelte schon mit dem Gedanken, mich stillschweigend davon zu machen, zumal ich höre, dass innerhalb der Kreise Delitzsch Passierscheinfreiheit besteht, in der Nähe von Delitzsch aber Zschortau mit Wohnhaus und Park unserer guten Tante Eva als liebliche Oase winkt. Aber die Kameraden haben keinen Schneid. Es sind eben keine Dirlewanger. Der Toni fehlt mir sehr. Wieder einmal kämpfe ich den Kampf zwischen den Pflichten der Kameradschaft und denen gegen mich selbst bzw. meine Familie. Eine Flucht bedeutet vielleicht Nachteil für die drei

Kameraden. Noch ehe der Kampf ausgekämpft ist, kommen unsere Amerikaner und nehmen mir die Freiheit der Entscheidung. Wir müssen auf einen kleinen Wagen steigen, das Fahrrad bleibt zu unserem Schmerz zurück. In rasendem Tempo geht es durch die kühle Abendluft nach einem Ort zwischen Delitzsch und Eilenburg. Dort werden uns wieder einmal die Taschen entleert und

die Rucksäcke durchsucht und wir werden von oben bis unten abgeklopft. Die Amerikaner sind viel gründlicher noch als die Russen. Nun verschwindet auch meine Brieftasche auf Nimmerwiedersehen. Mein Portemonnaie mit Geld, Rasierklingen und Trauring hatten bereits die Russen abgenommen. Jetzt bin ich ein völliger Habenichts. Nur das letzte Stück Brot von unserem asiatischen Freunde bleibt uns erhalten. Eine Stunde müssen wir warten. Inzwischen

vergrößert sich unser Haufen. Ständig kommen neue Landser oder Zivilisten, die auf der Straße aufgegriffen sind, um in gleicher Weise abgeklopft und durchsucht zu werden. Viele haben weder Hut noch Mantel und fangen an, in der maikühlen Abendluft erbärmlich zu frieren. Stimmung sehr mies, wie immer in einem großen Haufen. Einige wissen ganz genau, dass wir nun nach Eisleben, einem Konzentrationslager überführt werden und dort wahrscheinlich monatelang bleiben werden. Eisleben war es zunächst noch nicht, wohl aber Delitzsch und das Lager machte auch einen stark K-Z-ähnlichen Eindruck. Wir gelangten etwa um 12 Uhr abends auf einen mit Kies gedeckten Fabrikhof , der von drei Scheinwerfern beleuchtet war. An den Seiten-und Hinterwänden des Hofes kauerten etwa 150 Menschen, Frauen und Kinder. Sie wurden von 6 Amerikanern bewacht, die vorn an der rechten Seite des Hofes in dem Veranda ähnlichen Vorbau eines Schuppens saßen. In der Mitte des Hofes stand eine Milchkanne, die mit abgestandenem Wasser gefüllt war. Wer trinken wollte, musste höflich um Erlaubnis fragen. Diese wurde ihm je nach Laune des diensttuenden Postens gewährt oder abgeschlagen. Ähnlich erging es jedem , der ein menschliches Bedürfnis zu verrichten hatte. Noch vor der Kanne, mit dem Rücken zu den übrigen Häftlingen, saßen etwa 9 bis 10 Männer, die ab und zu aufstehen und eine Weile stramm stehen oder auf dem Hof Papier sammeln mussten. Sie mussten sitzen bleiben und durften sich im Gegensatz zu den anderen nicht auf dem Kies zum Schlafen ausstrecken. Wie ich später erfuhr, waren es Parteileute, die dieser besonderen Behandlung unterworfen wurden. Wir selbst wurden noch einmal durchsucht und abgeklopft und mussten uns dann am hinteren Ende des Hofes irgendwo niederlegen. Auch hier tat meine Decke uns wieder einmal gute Dienste und mit Genuss verzehrten wir das letzte Stück Russenbrot. Die Amerikaner holten ihre Kochgeschirre voll duftenden Essens aus der Küche. Wir Häftlinge bekamen nichts. Das war natürlich eine recht unangenehme Nacht.

Montag, 14. Mai 1945, Chronik des 20. Jahrhunderts

Die letzten deutschen Truppen in Ostpreußen (rund 150 000 Mann) ergeben

sich der Roten Armee. Britische Truppen besetzen die Nordseeinsel Helgoland.

Auch der Tag verlief höchst langweilig zwischen übernächtigten, übellaunigen

Landsern, die alle den Teufel an die Wand malten. Allen knurrte der Magen und

jeder wusste eine andere Schauermär zu erzählen. Wenn 300 Mann zusammen

wären, würden wir abgeholt und in ein Gefangenenlager gefahren. Wahrscheinlich kämen wir nach Halle zum Aufräumen oder nach Eisleben oder nach Nordhausen in übermächtige K.Z.-Lager. Keine dieser verschiedenen Möglichkeiten reizte mich. Vor allen Dingen wollte ich nicht noch eine Nacht auf dem Kies schlafen. Nachdem ich den größten Teil des Tages verduselt hatte, erwachten nachmittags zwischen 4 und 5 meine Lebensgeister zu neuen Taten. Ich suchte meine paar englischen Brocken zusammen und fragte den Posten, ob ich nicht ein paar Worte mit dem Kommandanten des Lagers sprechen könne. Das wurde mir gewährt und ich hatte nun Gelegenheit, die Amerikaner darauf aufmerksam zu machen, dass ich kein gewöhnlicher Soldat sei, sondern ein Opfer der SS, das unschuldig in eine Strafeinheit verschleppt worden sei, wo ich das letzte halbe Jahr mit lauter Kameraden aus K.Z. Lagern verbracht hätte. Bei der Erwähnung der SS gingen die Amerikaner zwar hoch und wollten mich wieder zum SS-Offizier stempeln. Ich beeilte mich, zu versichern, dass ich kein SS-Mann, sondern ein Opfer der SS sei und bat, einer höheren Stelle zur Nachprüfung meines Falles vorgeführt zu werden. Da bequemte sich der Wachhabende zu einem Ferngespräch mit dem secret service, der meine sofortige Vorführung anordnete. Das war so gut wie gewonnenes Spiel. Ich kam wieder weg vom großen Haufen. Ich war wieder Individuum, nicht nur Masse. Ich sollte aber noch größeres Glück entwickeln. Im Hotel zur Linde, wohin ich von dem Posten geführt wurde, saß ein intelligent aussehender Mann in Zivil mit zwei amerikanischen Offizieren am Tisch. Es war der Polizeichef Dr. Dressler. Ich erinnerte mich, diesen Namen bereits einmal von einem Kameraden Heinrich-Christian Meier gehört zu haben, der ihn aus dem K.Z.-Lager Neuen-Gammel her kannte. Und richtig, es war der gleiche Dr. Dressler, der über die Einrichtung „Dirlewanger" völlig im Bilde war, darüber mit den Amerikanern in scharf kritisierender Weise sprach, sich durch Befragung nach mir bekannten führenden Männern der Division und einigen Kameraden aus dem KZ davon überzeugte, dass ich wirklich ein „Dirlewanger" sei ,und dann erklärte, dass er es für angebracht halte, mich wie den Insassen eines K.Z.-Lagers zu behandeln und sofort zu entlassen.

Hurra, wieder einmal frei! Vorsichtshalber erbat ich mir ein Papier, über diese unverhoffte Freilassung. Da das Büro des Polizeichefs schon geschlossen war, wurde ich auf den nächsten Morgen zwischen 9 und 10 Uhr bestellt. Dr. Dressler war aber so freundlich, mir ein Nachtquartier im Schlosse Delitzsch anzuweisen. Nachdem ich das Quartier gesehen hatte, zog ich es freilich vor, woanders zu übernachten. Ich stellte fest, dass unsere gute Tante Evchen ja nur eine knappe Stunde von Delitzsch entfernt wohnte und machte mich sofort auf den Weg dorthin. Das war eine Überraschung und eine Freude! Ich hatte es mir schon auf

dem Wege oft erträumt, in Zschortau einen Ruhetag einzulegen. Einen so lieben und herzlichen Empfang und solche Verwöhnung hatte ich mir jedoch nicht träumen lassen. Ich kam mir vor wie im Paradiese und genoss in vollen Zügen all

die Herrlichkeiten, die mir früher vielleicht als selbstverständlich erschienen wären: Ein warmes Bad, ein gut gedeckter Tisch, der Gartenplatz im Fliederduft und das Klagen und Jubeln der Nachtigall bei hereinsinkender Dämmerung und dem langsam aufsteigendem Mond. Welch ein Szenenwechsel vom harten Kies des Fabriklagers zum traulichen Gespräch mit Tante Eva, in dem so manche Erinnerungen aufbrachen und währenddessen das Gefühl immer stärker wurde, bereits Zuhause angelangt zu sein im schützenden Schoß der Familie, der Heimat, aus der wir alle Wurzelkräfte unsers Daseins ziehen.

„Ist es ein Traum, ich kam zurück,

ich fass es kaum, ein tiefes Glück

die Heimat hat mich wieder. Erfüllt mein Herz mit Freuen.

Schwer ist die Zeit, Es wird die Welt,

tief unser Leid, die jetzt zerfällt,

und doch - blüht weiß der Flieder. einst wieder sich erneuern. "

Diese Worte schrieb ich ins Gästebuch, ehe ich nach einem herrlichen Ruhetag zur letzten Reiseetappe aufbrach. Der gute Gärtner Maul gab mir rührender weise sein Fahrrad. („Es will ja jeder gern nach Hause) Von Tante Eva bekam ich etwas Geld und reichlich Marschverpflegung. Nun sollte es doch Wahrheit werden, dass ich Pfingsten nach hause kam. Fast freilich hätte es noch schief gehen können. 18 km hinter Halle stieß ich auf einen Doppelposten, der meinen von Dr.Dressler

ausgestellten Zettel missverstand. Kaum lasen sie etwas von SS, da hatte ich schon einen Boxhieb im Gesicht und alles Reden half nichts. Unter vorgehaltenem Revolver musste ich auf einen Lastwagen klettern , konnte aber Gott sei Dank noch mein Fahrrad nachziehen und wurde nach Halle zurückbefördert. Dort sollte ich mich eigentlich beim Military-Govenor melden, zog es aber vor, auf Nebenstraßen in Richtung Kloster-Mansfeldt-Ballenstedt mich davon zu schleichen. Es gelang mir auch, die an einzelnen Ortschaften aufgestellten Posten zu umgehen und unbehelligt bis nach Hasserode zu gelangen, wo ich im Gasthof „zum grünen Röckchen " die letzte Nacht meiner Wanderschaft verbrachte.

Samstag, 19. Mai 1945, Chronik des 20. Jahrhunderts

Alfred Rosenberg, der ehemalige Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, wird in einem Marinelazarett in Flensburg Mürwik von britischen Soldaten verhaftet.

Am Pfingstsonnabend, den 19. Mai fuhr ich in das Gebiet der engeren Heimat ein. Ich nahm es als gutes Omen, dass ich über Meisdorf-Ermsleben herüberkam, wo die Geister Klamrothscher Ahnen mich umwehten . In Ballenstedt empfing

mich die Freundschaft in Gestalt von Dorothea Franke, in Quedlinburg die Verwandtschaft in Gestalt der lieben Grusons im Mummenthale, aber wie ich in Halberstadt und Wernigerode empfangen wurde, das braucht hier nicht mehr beschrieben zu werden. Es waren unvergeßliche Augenblicke.

Nachwort des Herausgebers

Auch ich habe diesen unvergesslichen Augenblick, als mein Vater zurückkam, vor Augen. Es war am Nachmittag des Pfingstsonntags in Wernigerode, wo inzwischen unsere Familie vollzählig bei den Eltern meiner Mutter untergekommen war. Wir bereiteten eine Pfingst-Kaffeetafel im Garten vor und zählten Sitzgelegenheiten und erwartete Teilnehmer an der Runde ab. Da rief einer unerwartet über den Gartenzaun: „und einen Stuhl mehr! " Das war eine glücklicherweise ganz reale Pfingsterscheinung, die für uns jede zu diesem Kirchenfest bisher überlieferte

übertraf.

Als mein Vater zurückkam, war ich 12 Jahre alt. Seine Heimatstadt war in ihrem historischen Teil bis auf die schwer beschädigten Kirchen am Domplatz vollkommen zerstört, der Firmensitz „an der Woort" lag in Schutt und Asche. Das Vaterhaus am Bismarckplatz, das den Luftkrieg überstanden hatte, war mit ausgebombten Halberstädtern und Flüchtlingen überfüllt. Dazu kam dann noch für eine Weile die Einquartierung russischer Offiziere.

Dass dies zum großen Teil alles Folgen nationaler, und schlimmer noch, „völkischer" Selbstüberschätzung waren, wurde offenbar verdrängt. Ich kann mich nicht entsinnen, dass darüber im Familienkreis und seinem Umfeld gesprochen und geschrieben wurde.

Mein Vater Kurt Klamroth brachte alsbald in seiner Heimatstadt den Willen zu überleben und wieder aufbauen zu wollen zum Ausdruck:

Gedanken an Revanche kamen diesmal gottlob nicht wieder auf und weitsichtige Politiker begannen, an der Verwirklichung europäischer Gemeinsamkeiten zu arbeiten.

So durften wir bis heute über 50 Jahre erleben, in denen sich Europa und die westliche Welt ohne größere kriegerische Auseinandersetzungen entwickeln konnten.

Die Großeltern- und Elterngeneration hatten offenbar nicht die innere Unabhängigkeit und fanden keinen Weg, gegenüber dem nationalsozialistischen Irrsinn deutlichere Zeichen der Missbilligung zu setzen. Obwohl sich meine Mutter von Parolen nie anstecken ließ und deshalb sogar gelegentlich heftige Auseinandersetzungen mit meinem Vater hatte, wie ich aus eigenem Erleben weiß, kam nach dem Zusammenbruch kein Wort der Schuldzuweisung über ihre Lippen. Man konnte aber auch „nein" sagen, so wie es mein Vater und meine Großeltern für mich taten, als zunächst das Gaupersonalamt Hauptstelle „Führernachwuchs" der NSDAP Gau Berlin" am 6.März 1944 den Eltern des Schülers Kl. Klamroth mitteilte, „dass Ihr Sohn für die Oberschule der Reichsschule Feldafing der NSDAP in Frage kommt " und danach noch einmal ein Parteibeauftragter mit gleichem Ansinnen in Halberstadt vorsprach, wo ich seit 1943 wegen der zunehmenden Bombenangriffe auf Berlin zur Schule ging und im großelterlichen Haus lebte.

Mein Vater hat über das, was er „bei Dirlewanger" vor der hier wiedergegebenen Erzählung erlebte, mit niemandem gesprochen, selbst mit seinem Freund und Arzt Jürgen Klamroth nicht, der ein ähnliches Schicksal im letzten Kriegsjahr erlitt. Ebenso war kein Wort über die Lippen seines Bruders Hans-Georg gekommen, bevor er sein Leben lassen musste, über dessen Aufgaben „im Felde". Es wird

barbarisch gewesen sein. Ich glaube, die Generation meiner Eltern war nicht fähig, individuelle, eigene Gefühle auszudrücken. Zu stark war die Ihnen von klein auf vermittelte Verpflichtung zur Selbstdisziplin und war wohl die Furcht, Schwäche zu zeigen. Seine Emotionen legte mein Vater in das Musizieren, das er mit seiner Geige so vortrefflich beherrschte und in seine Gedichte.

Mir hat er 1949 zur Konfirmation die folgenden Gedanken mit auf den Weg gegeben. Die Verse mögen vielleicht auch meine Enkel noch anrühren, nicht nur die Jungen, auch die Mädchen, eine Enkelgeneration, die heute schon lange vor dem 14. Lebensjahr sehr selbstbewusst in die Welt schaut.

Ich danke Herrn Udo Mammen, Vorstand der familienkundlichen

Arbeitsgemeinschaft im Förderverein Gleimhaus e.V. Halberstadt, für sein Einverständnis, auf Passagen aus seiner Biographie „Kurt Klamroth, ein Halberstädter Bürger" zurückgreifen zu können.

Dem Verlag Ullstein GmbH danke ich für die Erlaubnis, aus dem Buch

„Der große Krieg 1914/18 - von Sarajewo bis Versailles", von Joe J. Heydecker,

erschienen 1988 in Stuttgart, zitieren zu dürfen.

Die Chronik des 20. Jahrhunderts ist unter ISBN 3-570-11005-0 im Bertelsmann Lexikon Verlag Gütersloh, München 1993 erschienen.

Ernst Jünger, Leben und Werk in Bildern und Texten, Klett-Cotta, Stuttgart 1988

ISBN 3-608-95432-5

Thomas Mann: „Betrachtungen eines Unpolitischen". S. Fischer/Verlag/Berlin 1922

Winston S. Churchill: „Der zweite Weltkrieg". Bertelsmann Lizenzausgabe

Copyright 1948, 1954, 1985 beim Scherz Verlag, Bern, München, Wien

Christian Graf von Krockow: „Die Deutschen in ihrem Jahrhundert 1890 - 1990"

Ungekürzte Lizenzausgabe für die Bertelsmann Club GmbH

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