Erinnerungen an das Haus Klamroth in Halberstadt

 

Ursprünglich vorgesehen als Beitrag für den familienkundlichen Abend des Fördervereins des Gleimhauses Halberstadt anno 2003

 

 

 

Das Haus meines Großvaters in Halberstadt ist ein unübersehbares Zeugnis von ihm. Über den Bau- und Hausherrn, der 61 Jahre vor mir auf die Welt kam und der über sich selbst kaum etwas mitteilte, wenn man von dem großen Kriegstagebuch 1914/18 absieht, kann man jetzt mehr erfahren aus dem Buch von Wibke Bruhns „Meines Vaters Land“, erschienen 2004 im Econ Verlag.  Wibke, die einmal Nesthäkchen in diesem Hause war, berichtet darin aus den Briefen zwischen Großvater Kurt und seinem ältestem Sohn Hans-Georg so einfühlend und bildhaft, dass uns die beiden Männer als Menschen wieder gegenüberstehen.  

 

Die Aufzeichnungen meines Großvaters Kurt Klamroth aus dem Ersten Weltkrieg habe ich zusammen mit den Kriegserinnerungen meines Vaters aus dem Zweiten Weltkrieg in einer eigenen Publikation „Sinnloser Krieg“ zusammengebunden und versucht, in die Chronik der Zeit einzuordnen. Hier versuche ich eine Würdigung des Hauses meines Großvaters aus der Sicht des Enkels, der in Halberstadt geboren wurde und in diesem Hause einen Teil seiner Kindheit und Jugend verbrachte.

 

Großvater Kurt hatte das Haus mit dem Stararchitekten seiner Zeit, Hermann Muthesius entworfen und vor dem ersten Weltkrieg  vor den Toren der Stadt gebaut. Der Bauantrag vom 26. März 1910 bezog sich anfangs nur auf die Umfriedung des Grundstücks und liest sich so: "Auf dem Herrn Klamroth gehörigen Bauplatz, welcher auf drei Seiten umgrenzt wird von Straßen soll ein Einzelwohnhaus errichtet werden. Auf Antrag des Bauherrn soll jedoch die Umwehrung sofort vor Beginn des Hausbaus fertiggestellt werden. Auf Grund des §3 Ziffer 6 der Polizeiverordnung suche ich ergebenst die Bauerlaubnis für die Ausführung dieser Umwehrung nach. Die Umwehrung besteht an den Straßenfluchten aus einem Sockel von Bruchstein in Höhe von rund 55 cm und Holzstaket zwischen Steinpfeilern. Zwischen den Steinpfeilern sind die Holzfelder noch getragen von je zwei eisernen Pfosten. Bezüglich der Vorschriften des § 14, wonach die Umfriedung mit einem metallenem Gitter zu geschehen hat, bitte ich um ausnahmsweise Erteilung der Erlaubnis für ein Holzgitter an Stelle des metallenen. An der Rohn-Strasse ist eine Pergola angelegt, deren Scheitel bis 2,60 m über die Straßenhöhe reicht. Die Pergola ist wie die sonstige Umwehrung aus Steinpfeilern gebildet. Sie dient dazu einen Lawn-Tennisplatz, der sich auf dem Grundstück längs der Pergola hinzieht, von der Straße abzugrenzen. Ich bitte auch für die Anlage dieser Pergola und des Lawn-Tennisplatzes um ausnahmsweise Erteilung der Erlaubnis. An der Ecke der Bismarck-Straße und der Buko-Straße ist, hauptsächlich zur Verzierung der Grundstücksumschließung, jedoch auch aus Gründen der architektonischen Beziehung der Straßenumfriedung zu dem Hause ein Gartenhäuschen geplant".  Es wurde dann „Tempelchen” genannt.  "Ich bitte, für die Errichtung dieses Gartenhäuschens die Erlaubnis erteilen zu wollen. Die Umgrenzung zu den Nachbarn hin soll auf eine Länge von 26m durch dasselbe Gitter geschehen, welches sich an den Straßenfronten befindet. Von da an soll eine Mauer von durchschnittlich 2 m Höhe errichtet werden bis zu der einspringenden Ecke des dort liegenden Nachbargrundstückes".

 

 

Am 9. Mai 1910 kam das Gesuch um Bauerlaubnis für das Tennishäuschen an dieser Stelle dazu, an der man sich mit dem Nachbarn auf eine Grenzbebauung geeinigt hatte. So leicht, wie man 1910 offenbar einig wurde, machte es der heute an gleicher Stelle residierende Nachbar den Bauherren und der Baubehörde nach der Wende nicht. Jetzt wurden die Instanzen juristisch ausgebeutet und noch versucht, die Baugenehmigung rückgängig zu machen, als lange schon neues Leben im wieder neu erstandenen Haus und in den begleitenden Gebäudekomplexen pulste. Eines von zahlreichen Beschäftigungsprogrammen für Juristen. 

 

Im Bauantrag 1910 hieß es: Das Häuschen soll aus Sandsteinpfeilern bestehen, zwischen welchen Glastüren liegen. Der Fußboden wird massiv in Beton hergestellt und erhält hierauf einen Fliesenbelag. Die Wände werden innen verputzt und getüncht. Das Dach soll als Doppeldach mit Biberschwänzen ausgeführt werden. Nach der Nachbargrenze hin sind ein Waschraum und eine Geräteraum eingefügt. Es ist angenommen, dass gegen den Nachbar hin, wenn es die Bauordnung bedingt, das Häuschen mit einer Brandmauer, welche 20 cm über das Dach ragt, abgeschlossen wird. Am 2. Juli kam dann der Antrag auf Bauerlaubnis für das Wohnhaus hinzu. 3.339 Quadratmeter insgesamt waren zu gestalten.

 

 

Ein Landhaus nach englischem Stil, wuchtig und unübersehbar entstand. Seine Frau Gertrud und spätere Großmutter von siebzehn lebenden, einem eingebrachten und zu ihren Lebzeiten einem Ur-Enkel, war erst gar nicht angetan davon, in dieses zunächst natürlich noch nicht fertige, für ein Einfamilienhaus sehr groß geratene Gebäude kurz vor Weihnachten 1911 einziehen zu müssen.

 

Es sollte Heimstatt von Familientagen sein und war es auch zwölf mal in 37 Jahren. Aber nach solchen Ereignissen sollten die Familianten wieder abreisen. Dann wollte Großvater Kurt seine alten Tage im Haus genießen. Dafür hatte er das Zimmer der Dame des Hauses neben dem seinen,  in dem sich in einem Seitenkabinett Archiv und Geldschrank befanden, an eine Diele angeschlossen. Diese Bezeichnung  war eine Untertreibung.  Es war ein in einem stumpfen Winkel angeordneter Empfangssaal, der durch einen Kaminplatz beherrscht wurde. Dem gegenüber, an der mit Intarsien und eingelassenen Heimatbildern vertäfelten Wand, stand das Harmonium von Großmutter Gertrud. Ich habe heute noch ihren etwas schrillen Gesang während der Karwoche im Ohr: „Als Jesus von seiner Mutter ging...” Man betrat die Diele vom Haupteingang aus über einen Windfang, neben dem eine große Garderobe lag. Auf der gegenüberliegenden Seite schloss sich das Speisezimmer an und dieses setzte sich in einen Wintergarten fort. Das alles war großzügig für Gäste bemessen, aber ebenso auch anheimelnd für die beiden Besitzer allein ausgefallen. Im Rechteck außen vor dem Speisesaal und dem Kopf der Diele verlief eine herrschaftliche Terrasse, auf der eine Hundertschaft unterzubringen war, man aber auch in kleinem Kreise an lauschigen Sommerabenden in sechseckigen Buchten sitzen konnte, die den Erker, der mit dem Damenzimmer verbunden war, widerspiegelten. Einen zweiten Erker, der sich auch über die drei Geschosse des Hauses nach oben zog und in einem Balkon endete, gab es in der Anrichte, die vor dem Speisezimmer lag. Die Balkone auf den Erkern und die Terrasse waren mit Brüstungen eingefasst, die schon 1911 den Sicherheitsvorschriften nicht genügten, weil sie viel zu niedrig waren. Großvater Kurt und sein Architekt überzeugten aber das Bauamt  davon, dass die Breite der Deckplatten dieser Brüstungen  die fehlende Höhe kompensierten.  Der Architekt schrieb an die städtische Bauaufsicht: „Über dem Haupteingang befindet sich ein Balkon, dessen gemauerte Brüstung aus Gründen der äußeren Architektur nicht höher als 60 cm ausgeführt werden konnte. Eine Höherführung würde die äußere Erscheinung des Hauses wesentlich geschädigt haben. Ich bitte Dispens erteilen zu wollen, dass diese Brüstung so bleiben kann wie sie ist.” Die erhielt er dann und zwar gleich für alle Balkone, die im Gegensatz von diesem einen über dem Portal dann auch bevölkert wurden. Tatsächlich ist kein heranwachsendes und kein möglicherweise suizidgefährdetes Familienmitglied und  bis heute auch kein Gast von diesen Einfassungen gefallen, auf denen  Erwachsene bequem sitzen konnten.

 

 

Vor der Terrasse lag der Garten, mit dem Rasenoval im Zentrum aus der Sicht des Speisesaals und einem Rosengarten mit dem romantischen Gartenhäuschen, genannt Tempelchen, aus der Sicht der Diele. Dahinter Baumbestand, der die Sicht auf den Tennisplatz und das Tennishäuschen verbarg. Die Großeltern Gertrud und Kurt hatten sich beim Tennisspielen kennen gelernt. Das galt übrigens auch für die Großeltern mütterlicherseits von mir. Dieser sportliche Zeitvertreib muss also Generationen vor Steffi Graf und Boris Becker schon weit verbreitet gewesen sein. Sie spielten, das zwanzigste  Jahrhundert war angebrochen, Tennis auf Norderney zusammen. Die Bankierstochter Gertrud und der Fabrikanten- und Landwarengroßhändler-Sohn Kurt hatten das Racket schon im ausgehenden 19. Jahrhundert zwischen Harz und Huy geschwungen.

 

 


 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Links vom portalartigen Haupteingang mit dem unbenutzbaren Balkon darüber lagen die Wirtschaftsteile des Hauses mit einer großen Küche und Nebenräumen und mit einem Anbau, Remise genannt, in der der Kutscher über den Pferden, neben sich den Heuboden, wohnte. Den Pferden Seite an Seite die Autos. Das alles zu erreichen durch eine tunnelige Toreinfahrt unter dem Verbindungstrakt von Haus und Remise, in dem die Hausmädchen wohnten. Dahinter tat sich ein Hof auf, in dem die Pferde gesattelt und die Autos gewaschen werden konnten. Er war durch die gleiche, breite Sandsteinmauer vom Garten abgeteilt, der sich dahinter als  Wirtschaftsgarten gab, mit Gemüseanbau und allerlei Kräutern.

 

Eine schöne Pergola, die links den Wirtschaftsgarten und rechts den Rasen mit seinen metalleingefassten Kieswegen begleitete,  führte geradewegs auf das Tennishäuschen zu. Dort gab es auch Turngeräte für die Enkelkinder. Eine Schaukel und ein Barren, dessen Holme im Laufe der Zeit Narben bekommen hatten. So sah die Grundebene des Hauses aus. Der Garten und die Terrasse gehörten zum Wohnbereich. Alles fein abgestuft, 7 Stufen vom Garten auf die Terrasse, 3 Stufen von der Terrasse ins Haus.    

Im ersten Stockwerk an der Südostecke die Schlafgemächer der Erbauer, vor denen ein Balkon sich von Erker zu Erker zog. Gertrud und Kurt konnten sich im so genannten Sonnenbade treffen, das auf diesem Balkon abgeteilt und von Rundbögen eingerahmt war. Wie die ganze Fassade in hellem Sandstein ausgeführt. Vom ersten Stock führten zwei Treppen nach unten. Eine schmalere im Wirtschaftsteil, die auch die Familie des ältesten Sohnes Hans Georg, die das zweite Stockwerk bewohnte, zu benutzen hatte und eine breite holzgearbeitete direkt in die Diele. Das war die Sonntagstreppe. Wenn Großmutter Gertrud, die sich in der Stadt mit einem Kleinkinderschulverein engagiert hatte, am Sonntag mit dem Harmonium rief und für Erbauung sorgte, durfte die Treppe von allen benutzt werden. Hierzu hatte der Architekt während der Bauphase an die städtische Bauaufsicht geschrieben: „Es ist beanstandet worden, dass die Treppen keine Handläufe haben. Ich bemerke hierzu, dass die fehlenden Handläufe jetzt angebracht werden mit Ausnahme der Treppe, welche von der  Diele nach dem Obergeschoss führt. Die Treppe ist außerordentlich bequem, sie hat 16,5 cm Steigung und 31 cm Auftritt; sie wird lediglich von der Herrschaft, und zwar nur von erwachsenen Personen, benutzt, da der gesamte Verkehr der Kinder und Dienstboten über die Nebentreppe geht. Es ist ferner zu bedenken, dass es sich hier um ein Einfamilienhaus handelt, das niemals von mehr als einer Familie bewohnt werden wird und bewohnt werden kann.”


Das ist dann doch ein frommer Wunsch geblieben. Der älteste Sohn und seit seinem 25. Lebensjahr auch Teilhaber der Firma J.G. Klamroth  Hans-Georg wohnte mit seiner Frau Else und fünf Kindern, nachdem die daniederliegenden Geschäfte nach dem ersten Weltkrieg und die galoppierende Geldentwertung unerbittlich zu Einschränkungen gezwungen hatten, oben im zweiten Stockwerk und machte aus dem Einfamilien- ein Zweifamilienhaus. Die Zimmer waren dort niedriger, aber immer noch zahlreich genug. Nach dem Bombenhagel auf Halberstadt im April 1945, der das Haus verschonte, füllte sich das Haus mit einer auch heute nicht mehr vorstellbaren Zahl verzweifelter, obdachloser Menschen aller Herkunft. In der Speisekammer neben der Küche lebte eine Zeit lang der alte Lateinlehrer des Dom-Gymnasiums Frost, der dann meinem Bruder und mir in der Zeit, als die Schulen noch geschlossen waren, aus Dankbarkeit so intensiv  “Nachhilfe” gab, dass wir alsbald jeder eine Klasse überspringen konnten.

 


Kurt und Gertrud hatten vor dem Autorität genug, die Sonntags-Treppe an allen Werktagen für sich zu behalten. Das Haus war zentralgeheizt und mit sanitären Anlagen ausgestattet, reichlich und 1911 vom feinsten. Telefonanschlüsse gab es auch. Der Kutscher pflegte den Garten und setzte im Winter bei Frost den Tennisplatz zum Schlittschuhlaufen unter Wasser. Ein gutes Jahr nach dem Einzug schreibt der Bauherr an den Architekten: „Wir freuen uns täglich unseres Hauses und es sind nur wenige Änderungen, die wir vornehmen würden, wenn wir heute noch mal bauen würden; das ist doch ein angenehmes Gefühl für Sie und mich! Die Menschen in Halberstadt erkennen es auch mehr und mehr an, wenngleich noch oft absprechende Urteile gefällt werden. Das stört aber nicht im geringsten.“ Und ein paar Monate später: „Ich habe den Brunnen an meinem Hause gestern photographiert und werde Ihnen in den nächsten Tagen ein Bild davon schicken. Er ist nicht ganz genau nach Ihrer Zeichnung ausgeführt, macht aber einen recht guten Eindruck. Der Direktor unseres Wasserwerks erhob Einspruch gegen die fünf Wasserausläufe und deshalb ist er nur mit drei Ausläufen versehen und auch diese drei geben meiner Ansicht nach etwas zu spärlich Wasser ab. Die Anpflanzungen an beiden Seiten vor dem Brunnen sind vom hiesigen Stadtgarteninspektor recht geschmackvoll ausgeführt; sie dienen zugleich als Schutz des Brunnens, da dieser natürlich für die Kinder eine große Versuchung ist, in dem Wasser zu plantschen. Der Garten wächst sehr hübsch heran und wir haben viel Freude an dem Grundstück.”

 Zunächst war die Brunnenfigur ein Pinguin, der aber in der Zeit des ersten Weltkrieges, als die Rüstungsindustrie Buntmetalle brauchte, eingeschmolzen und 1927 durch die  bis heute zu bewundernden Enten des Bildhauers Froriep ersetzt wurde. Etwa 40 Jahre später beginnt sich die mit dem Haus befasste Gebäudewirtschaft wieder um den Entenbrunnen am Tempelchen, der in den Akten dort Pavillon genannt wurde, zu kümmern und legt den ersten von vielen noch folgenden Aktenvermerken, Schreiben und Vorgängen an: „Die den Einwohnern bekannte Entengruppe soll vor Jahren einmal von dem damaligen Grundstückseigentümer der Stadtgemeinde zur Verfügung gestellt worden sein, unter der Bedingung, dass die Stadtgemeinde die Instandhaltung und den Betrieb des Wasserspeiers übernimmt. Etwas schriftliches ließ sich bisher nicht feststellen. Es sind verschiedene Bürger der Stadt an uns als den derzeitigen Treuhänder herangetreten mit der Bitte, diese Entengruppe wieder instand zu setzen und den Wasserspeier in Gang zu bringen. Wir erklären uns bereit, die Reinigung und Nachpflanzung der Buschgruppen  aus dem Grundstückskonto zu bezahlen. Geregelt werden müsste jedoch die Wasserversorgung, die nach unseren Ermittlungen direkt aus dem Straßennetz erfolgt, ohne über eine Wasseruhr zu laufen.“

Eine gnädige Altersumnachtung entzog Großvater Kurt dem grausamen Alltag seiner letzten Lebensjahre. Er musste den Verfall seiner Ideale, seiner Firma und seines Hauses nicht bewusst erleben. Er hat es wohl gespürt. So wie ihn die aufopferungsvolle Liebe seiner Frau Gertrud trug. Ich war dabei und erlebte mit. Ich spielte chinesisches Domino mit den Alten im Damenzimmer. Das Vertrauen ineinander und in ihren lieben Gott, das die Großeltern ausstrahlten, beeindruckte mich. Großvater Kurt starb  vor seiner Frau. Danach beratschlagten die Wortführer der vier „Zweige" des Erblassers, was mit dem viel zu großen und in der Unterhaltung viel zu teuren Haus geschehen sollte. Im Testament stand, dass alle Enkel die Erben des Hauses seien und ich die Gesellschaftsanteile meines Großvaters an der Firma übernehmen soll. Das teure Haus aber wurde in den Büchern der Firma hin- und hergeschoben zwischen Firmenbesitz, was die Unterhaltungskosten abwälzte, und Familienvermögen, was die "Zweige" befriedigte. Am 1. Juni 1948 wurde es mit einer Hälfte des Grundstücks an die Enkel außer mir, der ich die Majorität der Firmenanteile geerbt hatte, übertragen. Die zweite Hälfte des Grundstücks, auf der der Tennisplatz mit seinem Umkleidehäuschen und ein Teil des Gartens lag, blieb im Besitz der Firma. Das Amtsgericht der Stadt Halberstadt veröffentlichte am 8. September des gleichen Jahres: Der am 8. November 1933 geborene  Klaus ist in die Gesellschaft J.G. als persönlich haftender Gesellschafter eingetreten, ist aber bis zur Vollendung seines 25. Lebensjahres zur Geschäftsführung nicht befugt und nicht verpflichtet.

 

 

 

 

 

 


Für das Haus gab es nur eine Lösung, es musste zum Hotel werden. Der Familienrat beschloss, dass einige knauserige Umbauten im Innern des Hauses noch von der Firma finanziert werden sollten. Hochnotpeinlichste Veränderung war der Einbau eines Pissoirs  im Keller für die Gäste und die Metamorphose des Wintergartens hinter dem Speisezimmer zur Bar. Alles zusammen hatte 24.151,22 Mark gekostet, wovon die Hälfte die Pächterin tragen sollte. Der Wohnbereich der Großeltern wurde zum Restaurantbezirk und die vielen Zimmer im Hause bekamen alle eine Nummer an die Tür gepappt und wenigstens ein Bett, manchmal aber auch gleich vier davon hineingestellt. Dann war man froh, der Betreiberin des Brockenhotels, einer durch Heirat mit dem Titel Baronin geschmückten Plüschdame, die Pacht für das Haus andienen zu können. Die nannte das Haus „Weißes Roß” nach einem Hotel, das sie bis zur Kriegszerstörung viele Jahre lang mit ihrem Sohn in der Stadt bewirtschaftet hatte. Sie war vom Fach aber ohne Vermögen und bald auch ohne Geld.

 


Sinn, Zeit und Mittel für die Pflege des Hauses und seines Gartens hatte niemand mehr. Die Zeiten waren 1949 nicht danach. Im Tennishäuschen hatten Kohlen gelagert für die sowjetrussische Besatzungsmacht, von denen eine zeitlang auch Offiziere im Haus logierten. Bis zu 70 Menschen, viele Kinder und Halbwüchsige darunter, wie ich, bevölkerten das Haus. Alles wurde in Besitz genommen, als die Großeltern das Haus nicht mehr hüteten.  Die Horde um mich herum und ich, wir turnten erst über die Pergola, übten dann auf dem Dach des Tennishäuschens das Balancieren und spazierten dann auf dem First des Hauses. Darob soll meine Großmutter für eine Weile die Sprache verloren haben. Die unbarmherzige Gruppe von losgelassenen Halbwüchsigen hatte schnell ihre eigene Hackordnung. In den oberen Rängen konnte nur der sich behaupten, der am weitesten sprang, am kühnsten balancierte und die wenigsten Gefühle zeigte. Ich hatte meine erste Schwäche mit dem anderen Geschlecht und legte der in der Hackordnung ganz oben stehenden Cousine zweiten Grades Helga mein gekochtes Frühstücksei ins Bett, wenn es sonntags welche gab. Meine Tante Else wies mich daraufhin ein, wie man es besser anstellt, eine Frau zu erobern. 

 

Leider begann innen im Haus auch die Plündrerei der vielen kleinen Kostbarkeiten, mit denen sich  die Großeltern umgeben hatten und die die “Zweige” nicht gleich unter sich aufteilen konnten. 1919 hatte Großvater Kurt mit seiner gestochenen, Miniaturhandschrift aufgelistet, was er an Teppichen im Wohnbereich liegen hatte:

In der Diele am Eingang einen Bidjar für 10.000, am Harmonium einen Beludschistan für 12.000 und auf diesem einen türkischen Schal für 400, auf dem Flügel einen türkischen Seidenteppich  für 7.000, zusammen 29.400 Goldmark.

Im Damenzimmer einen großen Ferrachan für 15000, im Erker einen Bidjar für 4500, am Fenster einen Samarkand für 3000 und an den in die Wand eingelassen, mahagonigefassten Glasvitrinen einen Buchara für 5000, zusammen 27.500 Goldmark. Im Herrenzimmer

lagen ein deutscher Teppich aus Schmiedeberg für 5.000 und ein türkischer Schal über dem Sofa für 400. Im Esszimmer auch ein deutscher Teppich für 4000 Goldmark.

Eines der Töchterzimmer war geschmückt mit einem Afghanen für 8000 und das Wohnzimmer im ersten Stock mit einem Somnak für 8000 Goldmark, alles zusammen machte damals nach seiner Schätzung einen Wert von 82.300 Goldmark aus, der ehemals auf den Fußböden lag.

Auch draußen begann die Verwahrlosung des Landhauses mit seiner weit in den Garten hinausreichenden Wohnstube. Es dauerte nicht lange, und das Haus stand ganz ohne Familie da. Mein Vater Kurt wandte sich endlich wieder dem zu, was er beherrschte, und nahm eine steile Karriere in der Verwaltungsgerichtsbarkeit in Berlin. Er hatte  einen großen Teil seiner Lebenskraft in dem zum Scheitern verurteilten Versuch gelassen, die traditionsbefrachtete Familienfirma vor dem Untergang zu retten. Und doch stammten die tiefgehendsten Freundschaften und die besten Zeugnisse seiner musischen Veranlagung aus dieser harten Nachkriegszeit unter drückender Verantwortung. Aber die praktische Vernunft meiner Mutter Ilse hatte sich durchgesetzt. Die Familie zog nach Berlin, bevor die DDR für  fast vierzig Jahre gänzlich eingemauert wurde. 

 

Im zurückgelassenen Haus gab es keine Bewohner mehr, nur noch Gäste einer ganz anderen Kategorie als früher. Auch die Baronin hielt es nur wenige Jahre aus im sich formierenden Staate der Arbeiter und Bauern und blieb die Pacht schuldig, als sie sich in den Westen absetzte. Die Handelsorganisation der deutschen demokratischen Republik  übernahm das „weiße Roß” und zahlte eine symbolische Miete an die so genannte Gebäudewirtschaft, die in allen Kommunen den Wohnungsbestand und die Immobilien übernommen hatte, deren Eigentümer in den Westen gegangen waren.

 

Jetzt musste das Haus einiges ertragen. Rostige Nägel in Edelhölzern in den Zimmern, schreiende Ölfarben auf den Stuckdecken, Lautsprecher und Musikpodium in der Diele, Abfallcontainer im Innenhof. Mitteldeutsches Savannenbiotop im Garten. Der Tennis-Court, ein Bolzplatz für die Straßenkinder. Lustlosigkeit der Betreiber und des Personals. Bald kein Geld und kein Interesse mehr für Reparaturen. Wie überall in sozialistischen  Landen, nahm dann das Regenwasser seinen Lauf. Eine defekte Rinne, ein zerbrochener Ziegel und alles, was darunter war, löste sich langsam aber sicher auf. Die Decke im Damenzimmer kam nach vierzig Jahren realem Sozialismus herunter. Die Bar im Wintergarten wurde aus dem gleichen Grund geschlossen. Die Decke war in ein für Werktätige angerichtetes „Buffet” gestürzt. Der Balkon musste mit Holzbalken abgestützt werden, damit die Terrasse begehbar blieb. Ihr Mosaikpflaster begrünte sich. Die Umfassungsmauer stürzte an mehreren Stellen ein.

Aber die Menschen, die geblieben waren, und den Verfall um sich herum mit der Zeit kaum noch wahrnahmen, wurden nun zutraulicher dem Haus gegenüber. Es wurde ihr weißes Roß, das den gleichen Putzgestank hatte wie überall in der Deutschen Demokratischen Republik, in dem man Tanzen ging und seine Familienfeste feierte. Viel Auswahl für solche Geselligkeiten gab es in Halberstadt auch nicht mehr.

 

Am 20. 07.1967 wurde eine gemeinsame Besichtigung von dem Betreiber und von der Gebäudewirtschaft, dem Treuhänder für das Haus, “betr. Erneuerung des Deckenputzes in der Küche der Gaststätte Weißes Roß “durchgeführt. Die Besichtigung ergab, “dass der Deckenputz vollkommen fest ist. Auf diesen Deckenputz wurde vor dem Leimfarbenanstrich ein Ölfarbenanstrich vorgenommen. Es ist erklärlich, dass Leimfarbe auf Ölfarbe nicht hält und durch die feuchten Dünste abblättert. Durch diesen Tatbestand ist es nicht Aufgabe des Vermieters, den Deckenputz zu erneuern, da der Putz noch vollkommen in Ordnung ist.” So heißt es in einem Vermerk. 1969 schreibt der Abteilungsleiter für Organisation und Technik bei der Handelsorganisation  unter dem Betreff “Bauliche Veränderung im Hotel Weißes Roß” in umgekehrter Richtung: “Ihre Feststellung, dass die ehemalige Dunggrube mit allerhand Gerümpel und Unrat angefüllt ist, müssen wir ebenso höflich wie dringend zurückweisen. Wir haben festgestellt, dass unsere Kollegen in eigener Arbeit gerade diese Stellen nach Beendigung der Winterperiode sehr gut ausgeräumt haben. Es sind lediglich dort 9 Mülltonnen und 4 Tonnen für VEB Mast aufgestellt, und zwar in einer guten und übersichtlichen Anordnung. Letzten Endes muss ja ein derartig großes Objekt auch eine Möglichkeit für diese Zwecke haben. Außerdem haben unsere Kollegen angrenzend  kleine Beete angelegt und sich auch ein kleines Ruheplätzchen geschaffen, so dass der Gesamteindruck zwar nicht gerade ideal ist, aber auch nicht schlecht aussieht. Darüber hinaus beabsichtigt der Objektleiter, vor dem Stand der Mülltonnen eine schnell wachsende Hecke anzulegen, damit der Gesamteindruck noch wesentlich verbessert wird. Darüber hinaus teilen wir Ihnen mit, dass wir die Absicht haben, auf der Rasenfläche eine Mini-Golf Anlage zu schaffen. Über die entsprechende Ausführung dieses Vorhabens bestehen zur Zeit verschiedene Vorstellungen, die noch nicht abgeschlossen sind.” Anzufügen ist, dass diese Überlegungen nie abgeschlossen worden sind, von wem auch immer sie gehegt wurden. Dem Haus blieb diese Art von Zerstreuung erspart. Im gleichen Jahre schreibt der Bürgermeister an den werten Genossen, der verantwortlich für den HO-Kreisbetrieb ist: “im Volkswirtschaftsplan ist auf Vorschlag der Betriebsleitung der HO aufgenommen, die HO-Gaststätte weißes Roß zu einer Repräsentativgaststätte umzugestalten. Wir sind uns darüber im klaren, dass auf diesem Wege einiges getan wurde, jedoch der Zustand im Weißen Roß  bei weitem nicht ausreicht, um als Repräsentativgaststätte angesprochen zu werden. Davon zeugen auch viele Kritiken, von denen ich Ihnen einen Ausschnitt geben möchte.”

“Ich wohne in der Straße nebenan  und habe immer vor Augen, wie das einst so schöne Nachbargrundstück immer mehr zerfällt. Der Zaun bricht bald zusammen, die Pfeiler sind lädiert, das Unkraut wuchert im Garten und hoch herum um den Zaun. Wenn ich meine Verwandten aus dem Westen zu Besuch habe, und sie aus Platzmangel zum Schlafen im Weißen Roß unterbringen muss, schäme ich mich jedes mal über die Verwilderung des ersten Hotels am Platz. Soll nun am Jahrestag unserer Republik das Weiße Roß so aussehen? Ich hoffe, dass Sie Abhilfe schaffen werden und bitten Sie zu verstehen, dass ich mich als jahrzehntelange Bürgerin unserer Stadt mit meinem Wunsch an Sie gewendet habe.”

“Ich glaube”, schreibt der Bürgermeister weiter, “zu dieser Feststellung gibt es keinen Kommentar. Ich erwarte deshalb, dass Sie gemeinsam mit der kommunalen Wirtschaftsverwaltung eine Besichtigung des Objektes durchführen und umgehend veranlassen, dass dieser Zustand noch bis zum 20. Jahrestag verändert wird. Über das Veranlasste wollen Sie mich umgehend unterrichten.”

Dieser Appell ging wie alle anderen vorher ins Leere.  Im Frühjahr des folgenden Jahres schrieb wieder die Handels-Organisation an die Verwaltung des Hauses: “durch Anruf des Objektleiters wurden wir informiert und haben uns davon überzeugt, dass eine  Dachreparatur erforderlich geworden ist. Einige Ziegel müssen ausgewechselt werden. Wir möchten Sie bitten die erforderlichen Reparaturarbeiten möglichst umgehend abstellen zu lassen, um größere Schäden zu vermeiden. Im Zimmer Sieben ist bereits der Putz von der Decke gefallen und in drei weiteren Zimmern, über denen sich die kleinen Zimmerbalkons befinden., hat es durchgeregnet. Hier müssen die Fugen auf den Balkons neu verschmiert werden.” Die Gebäudeverwaltung antwortet: “Trotz aller Bemühungen ist es uns nicht gelungen, die notwendigen Handwerker (Maurer, Dachdecker, Klempner) für die Erneuerung der Balkonfußböden zu bekommen. Wir sind also einfach nicht in der Lage, diese Arbeiten noch in diesem Jahr durchzuführen. Sollte es Ihnen möglich sein, durch eigene Handwerker oder Handwerksbetriebe, die dringend notwendigen Arbeiten an den Balkonen noch kurzfristig durchführen zu lassen, so bitten wir um Nachricht, damit zu den Besichtigungen ein Vertreter unseres Betriebes anwesend sein kann. Da die Arbeiten in unserem Plan aufgenommen wurden, stehen also die finanziellen Mittel bereit. Wir würden uns sehr freuen, wenn es Ihnen gelingen sollte, die Angelegenheit noch in diesem Jahr durchzuführen.” Darauf wieder die HO: “müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass wir keine Möglichkeiten zur Realisierung der aufgeführten Arbeiten haben. Leider haben wir nicht die entsprechenden Betriebshandwerker, die diese Arbeiten ausführen könnten. Die dafür in Frage kommenden Baukapazitäten stehen uns ebenfalls nicht zur Verfügung. Wir weisen nochmals darauf hin, dass die Versorgung im Hotelbereich unbedingt abgesichert werden muss. Bezug nehmend auf unseren Briefwechsel möchten wir Ihnen mitteilen, dass wir in keiner Weise damit einverstanden sind und bitten um umgehende Abstellung der Mängel.”

 

Solche Vorhaltungen und Appelle neben resignierenden Aktenvermerken füllen die Akten des amtlichen Treuhänders über das Haus. Seit 1972 steht auch die Firma unter Treuhandschaft und hört dann einfach auf, wirtschaftlich weiterzuleben. Die offizielle Unfreundlichkeit gegenüber dem “Klassenfeind”  im Westen wird um so größer und die Einreisehürden werden immer höher. Das Haus verfällt alleingelassen.

 

Wände haben Ohren, ein Haus hat Wände. 1916 hörte es mit seinem Hausherrn einer Herrenrunde unterschiedlicher Couleur zu. Nur die Stimme eines widerwillig eigentlich als Gutmensch akzeptierten sozialdemokratischen Stadtrates sah richtig voraus, dass das schneidige “Wir werden es der Welt schon zeigen” keine Chance hatte und im Gegenteil die Gesellschaft umkrempeln werde. So geschah es gründlich, zweimal, und jedes mal nicht nach den Vorstellungen des Hausherrn, meines Großvaters Kurt Klamroth. Seine Erben hatten, als auch sie in “die besten Jahre” kamen,  schon aufgehört, an ein “einig Vaterland” und an das Vaterhaus, zu glauben. Aber sie hatten die Macht des Fernsehens und der Konsumverheißung unterschätzt. Elektromagnetische Wellen kann man nicht so einfach abschirmen wie den Wanderungsdrang von Menschen mit Mauer, Stacheldraht und Selbstschussanlagen. Obwohl verboten, sahen die Menschen im sozialistischen Paradies der Werktätigen wo sie konnten, und  auch da waren sie findig, im Fernsehen die schöne Welt ihrer bundesdeutschen Nachbarn. Sie sahen sie so, wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen seine Gebührenzahler fröhlich und zahlungswillig stimmen wollte. Kein Wunder, dass dieses virtuelle Paradies eine gewaltige Anziehungskraft entwickelte. Und diese Kraft wirkte. Ungarn war das “Bruderland”, das dem Druck der Völkerwanderung Richtung Westen schließlich nachgab und zur Brücke wurde. Dann waren es nur noch Monate, bis ein Politbüromitglied der Altherrenriege der “DDR” sich im Strudel der Ereignisse verhaspelte und versehentlich den Durchgang durch die Mauer in Berlin freigab. Eine Panne wurde zum historischen Ereignis.

 

Ich besuchte in der geöffneten DDR , zu dieser Zeit überall auf der Welt mit Brauereikundschaft beschäftigt, die legendäre Wernesgrüner Brauerei. Die war im gleichen Zustand wie das Haus, das ja auch als das “erste” in Halberstadt verblieben war. Trostlos.

Die erste Brauerei im Land, vor der Wende in jedem Interhotel auf dem Tresen, war so gut wie Schrott. Trotzdem, es war nicht nur bei den Bierbrauern eine euphorische Aufbruchszeit. Die “Brüder und Schwestern” breiteten die nostalgiebewegten Gebetsteppiche aus. Sie hingen sich an die Lippen der Besucher aus dem Westen. Sie wollten die Techniken und Methoden der Marktwirtschaft aufsaugen wie Honig und damit im Handumdrehen zu Wohlstand kommen.

Ich besuchte das Haus. Es war ein trauriges Wiedersehen. Im Haus schlichen rückgratlose Hotelangestellte herum. Es sah innen aus, wie eine Behausung, die man 50 Jahre lang verwohnt hat. Haustechnik ungewartet aus dem Jahre 1911. Wo das Wasser durchgekommen war, fehlten die Putzdecken. Das Pissoir schlimmer als jedes Bahnhofsklo. Draußen boten die Sandsteinfassade und die Terrassenmauern  einen Anblick wie Kasematten nach dem ersten Weltkrieg, vom Pulverdampf geschwärzt, von Einschlägen zerbröselt. Der die Längsseite der Terrasse im ersten Stock entlang laufende Balkon hatte inzwischen mit Holzbalken abgestützt werden müssen, die mit Querlatten vernagelt waren und so dem Haus vom vollständig verwilderten Garten her gesehen ein mehr als invalides Aussehen gab. Aber die Bausubstanz hatte den Jahren und der Vernachlässigung getrotzt. Ein Bausachverständiger wird ein Jahr später gutachten: “Der hohe Anspruch des seinerzeitigen Bauherrn und des Architekten bei der Erstellung schlägt sich nieder im gegenwärtigen Erhaltungszustand von Dach und Fach.” Er gibt dem Haus noch 45 Jahre Restnutzungsdauer und einen  Verkehrswert von 1.615.159,00 DM, zusammen mit dem unmittelbar dazugehörigen Grundstück nennt er die stolze Summe von 2.190.994,00 DM. 

 

 

 

 

 

Oberkellner Frank nahm beim ersten Nachwendekennenlernen die Westmark 1:1 nach Wildschweinbraten mit Rosenkohl und Gilde vom Fass gerne an.

 

Nun entwickelte sich ein Wetteifern aller Erben mit Vorschlägen und munter ausgesprochenen Ideen, was man mit dem Haus tun könnte. Als erstes das Haus provisorisch regendicht machen. Dann Dach und Balkone sanieren, entscheiden, ob die Erbengemeinschaft selbst und wenn ja wie weitermachen oder an Dritte verkaufen, wofür es gebraucht und wie es innen aussehen soll. Dazu gab es vereinzelt sehr dezidierte Ansichten. Drinnen finde ich es scheußlich, befand eine der unfreiwilligen Erben, und das auch, wenn ich mir den entsetzlichen Mief des Hotels wegdenke, die Tapeten, Teppiche, den Gestank. Die Flure sind zu eng, die Treppen zu schmal, die Diele unten hat keine Proportion. Irgendwie sitzt das ganze schief im Gehäuse.  Eile tut not, wenn wir an irgendwelchen Fördermaßnahmen teilhaben wollen. Und, Eile tut überhaupt not, das war der Tenor. Im Weißen Roß hängen 33 Arbeitsplätze in der Schwebe.


 


Eilbedürftigkeit spürte ich inzwischen selbst. Ganz Deutschland geriet offenbar in ein Anspruchs- und Gründungsfieber, nur diesmal nicht gespeist von französischen Reparationen wie 120 Jahre zuvor, sondern von der stimulierenden politischen Formel “Rückgabe vor Entschädigung”. Ich wurde wieder zum Kind, sah mich zusammen mit den Großeltern im Haus chinesisches Domino spielen und auf dem Fahrrad das Oval des Rasens umrunden, sprach von der Verpflichtung, die ich als Erbe einer langen Familientradition hätte und die mir gebiete, alles für die Erhaltung und Fortführung dieses Erbes zu tun.

 

Keine 14 Tage später kam die Versuchung in Gestalt eines früheren Nachbarsohnes aus der Stadt, der in Hannover inzwischen zu Vermögen gekommen war und Freddie hieß, auf die frisch gebackenen Hausbesitzer zu. Er bot für das Haus und das zugehörige Grundstück eine Million und Einhunderttausend  Deutsche Mark an. Die Messlatte war gesetzt.

In Heidelberg wurden Pläne geschmiedet. Es war klar, dass von den 1,1 Millionen für das Haus nicht mehr herunterzukommen war. Ich stellte mir meinen Großvater still und erwartungsvoll im Grabe vor und fühlte mich berufen.

 

Als die Hausbank einverstanden war, nur auf den guten Namen 1.000.000,-- DM hinzublättern, wurde das Haus aus der Erbengemeinschaft heraus gekauft. Das Konzept war, auf dem Tennisplatzgrundstück in Terrassenbauweise Wohnungen und Büroräume zu errichten. Die Erträge aus dieser Bebauung, sollten dann mit zur Sanierung des Hauses eingesetzt werden.

 

Wie alle Betriebe in der ehemaligen DDR hatte auch das weiße Roß mehr als doppelt so viele Mitarbeiter als nötig. Ich hatte mir die Kennzahlen des Gaststätten-  und Hotelgewerbes beschafft, in der Tische im Restaurant und Betten im Hotel eine Rolle spielen bei der Beantwortung der Frage, wie viel Personal gebraucht wird, vorausgesetzt, dass an den Tischen auch gegessen und getrunken wird und in den Betten auch Hotelgäste übernachten. Wir einigten uns auf die Zahl von Mitarbeitern, die für uns arbeiten sollten, in gläubiger Zuversicht, dass alsbald auch in dieser Diaspora ein Hotel mit Restaurant die Auslastungszahlen vergleichbarer Häuser in westlichen Gefilden haben würde.

Der alte Kalauer, wer nichts wird, wird Wirt, hat einen wahren Kern.

Ist man erst in die Fänge dieses Gewerbes geraten, öffnet sich eine Büchse der Pandora und heraus schlüpfen ständig neue Ideen, wie man dieses Geschäft, von dem jeder etwas zu verstehen glaubt, gestalten solle. Meine Mitgesellschafter, die sich bald in oberschlauen Vorschlägen überboten und ich, alle weit gereist und erfahrene Hotelnutzer, wurden nun zu Hoteliers. Meine Mitgesellschafterin lief bereits in der Stadt herum als Chefin des Weißen Rosses, den Schlüssel zu Frank´s Büro in der Tasche. Ich lachte damals  und vertraute auf meine Management-Methoden, die bisher noch jeden Mitspieler in die notwendige Disziplin eingebunden hatten. Gegen Dilettantismus sei ich gefeit, glaubte ich damals.

Die Binsenweisheit eines der berühmtesten Hotelgründer, Konrad Hilton, haben wir nicht berücksichtigt, obwohl sie mir eingegangen war, als ich mich mit der Branche zu beschäftigen begann. Hilton hatte gesagt, die drei wichtigsten Voraussetzungen für den erfolgreichen Betrieb eines neuen Hotels sind “Location, Location, Location” . Wir konnten den Standort, für den mein Großvater verantwortlich war, nur noch schön reden. Das Haus stand nun mal da, wo es stand. Unsere Entscheidungen waren am grünen Tisch in Heidelberg in einem emotionalen Gemisch aus Nostalgie und Gründerwahn gefallen. Jetzt musste und konnte es nur aufwärts gehen, daran glaubten wir im Jahre eins nach der Wiedervereinigung.       

Wir kümmerten uns um Fördermittel, die 1991 für Gaststätten und Hotels großzügigst angeboten wurden. Dazu musste ein Konzept ausgearbeitet werden. Am 19. Dezember 1991 gingen alle geforderten Unterlagen an die Bezirksregierung Magdeburg zur Beantragung von Zuschüssen im Tourismusprogramm Ost , ERP- Modernisierungsprogramm und “gegebenenfalls weiteren Programmen” mit der Bitte um positiven Bescheid. Das Unternehmen beantragt zur Durchführung des Investitionsvorhabens eine öffentliche Finanzhilfe in Höhe von DM 1.308.930. Das sind 23 % der förderfähigen Gesamtinvestition von DM 5.691.999. Das Vorhaben wird zum Jahresende 1992 abgeschlossen.”

Ein Anruf aus Magdeburg reduzierte dann am 02. Juli 92 die öffentlichen Segnungen endgültig auf 569.100 DM, also nur noch 10% des angegebenen Investitionsvolumens.

Ein Zehntel dieser Summe wurde erst fällig nach Abschluss des Projektes und nach lückenlosem Nachweis der Mittelverwendung durch einen Wirtschaftsprüfer. Auf einen Schlag war damit eine erste klaffende Lücke in unsere Finanzierung gerissen worden, die uns eigentlich zum Nachdenken hätte zwingen müssen. Aber der Gesellschafterkreis war zu wirtschaftlichen Abwägungen nicht mehr in der Lage und den Anforderungen bald nicht mehr gewachsen, die ja nebenberuflich erfüllt werden mussten. Das zeitlich einander bedingende Konzept, dass der Erlös aus den Wohn- und Geschäftsbauten auf dem Grundstück die Renovierung des Hauses tragen sollte, brach mit schlimmen Folgen für die Finanzierung des ganzen Projektes auseinander. Die Treue zum Architekten Muthesius zusammen mit den Auflagen des Denkmalschutzes forderten finanziell unvertretbaren Tribut, wobei wohl mit den Herren dieser Behörde nicht aber mit der selbst ernannten Hotelchefin mit der Muthesius - Bibel in der Hand zu reden war. Der Gesamtaufwand für das Parkhotel stieg schließlich auf mehr als das doppelte der veranschlagten Summe, die Gesellschafter mussten aufgeben und die Besitzverantwortung an jüngere abgeben.

 

Der Verfasser, der in dieser Zeit als Direktor auch in den Diensten der Treuhandanstalt stand und sie als die aufreibendste und turbulenteste seiner nunmehr sieben Lebensjahrzehnte erlebte, kennt  übrigens entgegen landläufigem Vorurteil keinen so genannten Investor der ersten Nachwendejahre, den der Aufbau Ost nicht erhebliche finanzielle Opfer gekostet hat.

 

Aber das Haus des Großvaters Kurt Klamroth steht wieder in alter Pracht da, von Bäumen umgeben, die in den vergangenen neunzig Jahren so gewachsen sind, wie er es sich für sein Lebenswerk auch gewünscht hätte, und es ist eine Freude dort im Parkhotel unter den Linden Gast zu sein, wovon sich nicht nur jeder Halberstädter überzeugen kann.